Ella Blix: Der Schein [Rezension]

Cover (c) Arena Verlag
Cover © Arena Verlag

Alina ist neu auf dem Internat Hoge Zand auf der kleinen Ostseeinsel Griffiun. Eines Nachts sieht Alina aus einem der Turmzimmer ein dunkles Schiff am Horizont, das seltsame Blitze über das angrenzende Naturschutzgebiet schießt. Auf der Suche nach Antworten trifft sie in den Dünen auf Tinka, der sie sich sofort auf unheimliche Weise verbunden fühlt. Das Mädchen mit der seltsamen Ausrüstung weiß viel mehr, als sie wissen dürfte und verschwindet immer wieder spurlos. Als Alina mit Hilfe der Lonelies, ihrer neuen Freundes-Clique, versucht, den Rätseln der kleinen Insel auf die Spur zu kommen, macht sie eine Entdeckung, die alles in Frage stellt, was sie jemals für wahr gehalten hat… (Klappentext „Der Schein“)

Alina ist genervt. Eigentlich ist sie mit fast 17 Jahren doch wohl alt genug, das halbe Jahr ohne ihren Vater allein in Berlin zu verbringen. Dann könnte sie wenigstens mit ihrem Freund Lukas und der besten Freundin Pinar zusammen bleiben. Doch stattdessen wird sie in ein Internat auf einer winzigen Insel an der Ostsee verfrachtet. Hier liegt der Hund begraben und nicht einmal richtigen Handyempfang gibt es. Das einzig halbwegs Interessante ist das Naturschutzgebiet mit den Urrindern, dessen Betreten strengstens verboten ist. Hier muss doch ein bisschen Nervenkitzel zu holen sein, immerhin ist es nicht nur verboten, sondern es halten sich zu Alinas großer Verwunderung auch noch alle daran. Als Alina eines Nachts am Nordufer der Insel ein schwarzes Schiff auftauchen sieht, das Blitze über das Naturschutzgebiet schießt, ist ihre Neugier kaum zu bremsen.

Dieses Jugendbuch hat mich komplett überrascht. Ich weiß gar nicht, was genau ich erwartet hatte. Auf jeden Fall Mystery und Spannung, doch ich bekam noch Einiges mehr. Alina erzählt aus Ich-Perspektive, wie sie auf der fiktiven Ostseeinsel Griffiun mit der Fähre ankommt, total genervt und unwillig – entsetzt, dass die Leute hier zum Einkaufen sogar aufs Festland fahren müssen. Mit Cara hängt sich auch noch gleich eine Klette an sie. Immerhin ist Cara eine Einheimische und kann Alina mal eben eine Kurzeinweisung geben. Aber viel ist auf der kleinen Insel eh nicht zu holen. Das Internat erweist sich als ungefähr so schrecklich wie Alina es sich vorgestellt hat. Regeln, Hauspuschen und dann auch noch ein Doppelzimmer. Sich ein Zimmer teilen zu müssen, kommt Alina einem Alptraum nahe vor.

Doch Alpträume hat Alina ohnehin. Seit ihre Mutter vor 10 Jahren verschwand, wacht Alina immer wieder mit Bauchschmerzen auf. Den Verlust der geliebten Mutter kann sie nicht verwinden. Ganze Tagebücher dokumentieren ihr Leben danach, und hier auf der Insel kommen die Gedanken an die Mutter wieder stärker zum Tragen. Nur stückchenweise erfährt der Leser, was damals geschah und wie Alina damit zurecht kommt. Im Club der Lonelies – den Jugendlichen, die auch am Wochenende im Internat bleiben – fühlt Alina sich zunehmend wohler und wagt es, sich zu öffnen. Denn auch die anderen Internatsschüler haben ihr Päckchen zu tragen.

Doch auch die mysteriöse Spannung kommt nicht zu kurz. Blitze über dem Naturschutzgebiet, ein Geisterschiff, das alle zehn Jahre vor dem unschiffbaren Nordufer der Insel auftaucht und ein mysteriöses Mädchen, von dem sich Alina sofort angezogen fühlt. Die Hausmutter Frau Tongelow verschwindet und schweißt die Jugendlichen bei der Suche noch mehr zusammen.

Mit „Der Schein“ ist Ella Blix ein spannender Mix aus Mystery, Science-Fiction und Coming-of-Age-Roman gelungen. Alinas Suche nach Aussöhnung mit ihrer Mutter verleiht der Geschichte zusätzlich Tiefgang und entwickelt sich zunehmend zum Hauptthema, das mit einem faszinierenden Clou zum Höhepunkt trägt. Sprachlich habe ich zeitweise mit dem Buch gehadert, da mich die betonte Jugendsprache nicht besonders ansprach. Andererseits bin ich auch nicht Zielgruppe und vielleicht spricht meine 14jährige Tochter ja in zwei Jahren genauso. Zwischen Ratlosigkeit und Belustigung schwankte ich bei Metaphern wie „eine Gesichtsfarbe wie ein Pilz“ (Steinpilz? Fliegenpilz? Champignon? Lila Lacktrichterling?) oder als jemand „ausgesehen wie geronnene Milch“ hat. Da bleibe ich im Text stecken und wundere mich, ob das jetzt betont künstlerisch sein soll. Mich holen solche verkrampften Formulierungen leider nicht ab. Trotz des aufgesetzt wirkenden Sprachstils habe ich mich zunehmend von der steigenden Spannung mitreißen lassen und mich vermutlich auch an die Sprache gewöhnt, so dass es mich später nicht mehr so sehr gestört hat.

Der Titel ist übrigens ein wunderbares Wortspiel, für das ich mich vor allem zum Ende hin total begeistern konnte, genauso wie mich auch die Geschichte immer mehr gefangen nahm und für sich vereinnahmte. Meine durch den Sprachstil anfänglich zunehmende Skepsis löste sich bald im Nichts auf und je mehr ich über Alinas Geschichte nachdenke, desto vielschichtiger und lesenswerter erscheint sie mir.

Ella Blix ist das Pseudonym der Autorinnen Antje Wagner und Tania Witte. Dies ist ihr erstes gemeinsames Buch

© Tintenhain

weitere Rezensionen von Bloggern
Queerbuch
Kathrin Everdeen
Kleeblatts Bücherblog

Autorenseite

Werbung

Ella Blix: Der Schein

Einzelband
Gebundene Ausgabe: 472 Seiten
Verlag: Arena (19. Januar 2018)
ISBN-10: 3401604139
ISBN-13: 978-3401604138
Altersempfehlung: ab 12 Jahren
Preis: € 18,00 [D]
Rezensionsexemplar

Cover (c) Arena Verlag
Cover © Arena Verlag

7 Kommentare

  1. Die Geschichte klingt nach genau etwas für mich und das Cover ist wundervoll.. ich wollte doch keine Bücher mehr kaufen.. argh ^^

  2. Grüße,

    oh ich glaube ich hätte deine Rezi nicht lesen dürfen. XD Das klingt sooo gut und ich befürchte das ist ein Buch in das ich mich fallen lassen kann. Und dann dieses Coer ♥ Wieso ist mir das nie aufgefallen? – Beim nächsten Besuch im Buchladen muss ich mal reinschnuppern.

    Tintengrüße von der Ruby

  3. Huhu!

    Mit dem Buch liebäugele ich, seit ich es bei den Neuerscheinungen entdeckt habe! Die Mischung klingt richtig gut – ich lese nicht mehr so viele Jugendbücher, aber wenn, dann gerne solche, die etwas Ungewöhnliches an sich haben. 🙂

    Allerdings könnte es sein, dass mich die Sprache auch stört, ich habe letztens ein Buch gelesen, in dem ständig Sätze fielen wie „Von mir aus kannst du so viel smartscheißen, wie du willst. Wenn du aber so weitermachst, wirst du bei Begüm voll verkacken, was irgendwie blöd für den Teamspirit wäre, if you know what I mean.“ Gaaaah… (Wobei das sogar ein Buch für Erwachsene war und auch der Charaktere, der so sprach, erwachsen war!)

    Über den lila Lacktrichterling musste ich lachen, klasse geschrieben. 🙂

    Ich habe deinen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt.

    LG,
    Mikka

  4. Hi Mona,
    ich würde dich gerne verlinken auf kathrineverdeen. Wenn’s nicht passt, einfach Bescheid geben. Eine schöne Rezension, by the way. Ich bin leider nicht ganz warm geworden mit dem Buch.
    LG Alex

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.