Tintenhain – Der Buchblog

Ewald Arenz: Alte Sorten [Rezension]

Cover Ewald Arenz Alte Sorten
Cover © DuMont Verlag

Sally und Liss: zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Sally, kurz vor dem Abitur, will einfach in Ruhe gelassen werden. Sie hasst so ziemlich alles: Angebote, Vorschriften, Regeln, Erwachsene. Fragen hasst sie am meisten, vor allem die nach ihrem Aussehen.
Liss ist eine starke, verschlossene Frau, die die Arbeiten, die auf ihrem Hof anfallen, problemlos zu meistern scheint. Schon beim ersten Gespräch der beiden stellt Sally fest, dass Liss anders ist als andere Erwachsene. Kein heimliches Mustern, kein voreiliges Urteilen, keine misstrauischen Fragen. Liss bietet ihr an, bei ihr auf dem Hof zu übernachten. Aus einer Nacht werden Wochen. Für Sally ist die ältere Frau ein Rätsel. Was ist das für Eine, die nie über sich spricht, die das Haus, in dem die frühere Anwesenheit anderer noch deutlich zu spüren ist, allein bewohnt? Während sie gemeinsam Bäume auszeichnen, Kartoffeln ernten und Liss die alten Birnensorten in ihrem Obstgarten beschreibt, deren Geschmack Sally so liebt, kommen sich die beiden Frauen näher. Und erfahren nach und nach von den Verletzungen, die ihnen zugefügt wurden. (Inhaltsangabe © DuMont Verlag)

Ewald Arenz‘ Romane schienen wie für Lesekreise geschaffen. Bereits „Ehrlich und Söhne“ war vor Jahren ein Lesekreisbuch und „Alte Sorten“ – viel gelobt im Buchhandel und in der Presse. Da mussten wir uns ein eigenes Bild machen.

Das Mädchen Sally ist abgehauen, wieder einmal. Nur weg aus dieser Klinik, in der man sie reparieren will. Wo man alles, was sie tut, analysiert und wo sie sich einfach nicht richtig wahrgenommen fühlt. Fragen über Fragen, die nie die richtigen sind und die Sally einfach nur wütend machen – auf alles, auf jeden. Dann trifft sie auf Liss, die seit Jahren einen alten Hof allein bewirtschaftet und Sallys Hilfe ganz gut gebrauchen kann. Liss nimmt Sally, wie sie ist. Sie stellt keine Fragen, erwartet aber, dass Sally mit anpackt, wenn sie bleiben will. Die beiden Frauen kommen einander näher und ganz langsam und behutsam entfaltet sich ihrer beider Leben voreinander – die Verletzungen, die unerfüllten Erwartungen und die immerwährende Suche nach den Menschen, die man liebt.

Ewald Arenz‘ Roman „Alte Sorten“ hat mich von der ersten Seite an gefesselt. Sein Schreibstil ist klar und ausdrucksvoll. Schon auf den ersten Seiten, wird klar, wie die beiden Frauen ticken. Dabei passt sich Arenz auch dem Sprachstil der jeweiligen Generation an, wodurch den Figuren besondere Authentizität verliehen wird. Er erzählt berührend, leise, intensiv und voller Lebensweisheit.

Liss und Sally sind zwar grundverschieden, aber sie entdecken auch immer mehr Gemeinsamkeiten, durch die sie Verständnis füreinander entwickeln. Nach und nach, Seite für Seite offenbart sich dem Leser das ganze Leid, das durch festgefahrene, gesellschaftliche Strukturen und Erwartungen ausgelöst wird.

Interessant fand ich das harte Landleben auf Liss‘ Hof, die nicht unbedingt freiwillig gewählte Rückbesinnung auf das Handwerkliche, das auch heilsam auf die Seele wirkt. Wobei dies von der klugen Sally natürlich sofort ablehnend in Frage gestellt wird, was eine zusätzliche Würze verleiht und auf die Komplexität des Themas verweist. Es gibt nicht das Allheilmittel oder Patentrezept fürs Leben wie man es oft in Romanen (vor allem Liebesromanen) vorgesetzt bekommt. Ewald Arenz nähert sich seinen vielschichtigen Figuren psychologisch einfühlsam, vorsichtig und respektvoll.

Besonders gut gefallen hat mir die unerwartete Wendung im letzten Drittel, mit der das bis dahin eher gemächliche Buch unvermittelt viel Fahrt aufnimmt. Und während man sich noch fragt, wohin das Ganze führen und wie es vor allem für Sally weitergehen soll, überzeugt Arenz mit einem unkitschigen, auf ganzer Linie akzeptablem Ende, das realistisch und zufriedenstellend auch die Zukunft blicken lässt.

© Tintenhain


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Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: DuMont Verlag (18. März 2019)
ISBN-13: 978-3832165307
Preis: € 10,00 [D]
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Cover Ewald Arenz Alte Sorten
Cover © DuMont Verlag

2 Kommentare

  1. Hallo Mona,

    ich wusste doch, dass mir der Autor etwas sagt! Ich habe vor Jahren „Der Duft von Schokolade“ von ihm gelesen und mochte das Buch. Es war zwar eher unaufgeregt, aber gut zu lesen. Und ich weiß noch, dass ich allein vom Lesen zugenommen habe. ^^

    Schön, dass dir „Alte Sorten“ so gut gefallen hat.

    Liebe Grüße & alles Gute für 2021,
    Nicole

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