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Ewald Arenz: Der große Sommer [Rezension]

Cover Ewald Arenz Der große Sommer
Cover © DuMont

Die Zeichen auf einen entspannten Sommer stehen schlecht für Frieder: Nachprüfungen in Mathe und Latein. Damit fällt der Familienurlaub für ihn aus. Ausgerechnet beim gestrengen Großvater muss er lernen. Doch zum Glück gibt es Alma, Johann – und Beate, das Mädchen im flaschengrünen Badeanzug. In diesen Wochen erlebt Frieder alles: Freundschaft und Angst, Respekt und Vertrauen, Liebe und Tod. Ein großer Sommer, der sein ganzes Leben prägen wird. (Inhaltsangabe © DuMont Verlag)

Als Zippo, der Lateinlehrer die Klassenarbeiten zurückgibt, ahnt Frieder schon, dass das nicht gut für ihn ausgeht. Und richtig, er muss in die Nachprüfung und damit ist der Familienurlaub für ihn gestorben. Ausgerechnet beim Großvater soll er lernen, dem Mann, der er bis zu seinem zehnten Lebensjahr noch siezen musste. Keine guten Aussichten für die Sommerferien. Aber dieser Sommer hält noch mehr für Frieder bereit: Beate, das Mädchen, das ihn beim Turmspringen im Schwimmbad herausfordert. Die Tagebücher seiner Großmutter, die er heimlich liest und auch seine Freundschaft zu Johann wird auf eine harte Probe gestellt. In diesem Sommer stellen sich die Weichen für Frieders Leben.

Nach “Alte Sorten” war ich auf diesen neuen Roman von Ewald Arenz ganz besonders gespannt. Nur wenige Seiten und ich war in das Buch versunken, um Stunden später tief berührt, aufgewühlt und glückstaumelnd wieder daraus aufzutauchen. Glücklich vor allem, dieses wunderbare Buch gefunden und gelesen zu haben, das schon jetzt mein Jahreshighlight ist.

Ewald Arenz gelingt es auf beeindruckende Weise, in die Gedanken- und Gefühlswelt des sechzehnjährigen Friedrich einzutauchen. Dabei entdeckt man sich vielleicht auch ein Stück selbst wieder und dieser besondere, große Sommer wird erlebbar. Man fühlt die summende Hitze des Sommers, hat die warmen Gerüche in der Nase und verspürt den Nervenkitzel beim Sprung vom 7,5-Meter-Turm. Arenz schreibt so intensiv, dass man das Gefühl hat, dabei zu sein. Wieder einmal haben mich Arenz’ Gespür für Sprache und sein ausgefeilter Erzählstil verzaubert und gefangen genommen.

Ein Sommer, der so prägt, ist ein Sommer, in dem viel passiert. In kürzester Zeit wird Frieders Lebenswelt immer wieder auf den Kopf gestellt. Nächtliche Ausflüge, erste Küsse, die Auseinandersetzung mit dem Großvater und der Familiengeschichte, die, wie Friedrich feststellt, vom Krieg und der Zeit danach beeinflusst ist. Die Frage, welcher Vater besser ist: der, der immer geistig abwesend in Wolkenkuckucksheim ist oder der, der mit strenger Hand omnipräsent ist.

Arenz’ Figuren sind lebendig, authentisch und vor allem bleiben sie im Gedächtnis haften. Der strenge Großvater, bei dem man ahnt, dass sich hinter der steifen Fassade noch mehr verbirgt, genauso wie die liebevolle, duldsame Großmutter, die ganz klar Stellung bezieht, wenn es darauf ankommt. Auch Frieders Freund Johann ist ein Charakter, der erst schwer zu greifen und dann unvergesslich ist.

Ewald Arenz spricht viele Themen an und schafft es dennoch, das Buch sommerlich leicht wirken zu lassen – abenteuerlich und mit dem Klang der 80er im Ohr. Das Beste, das ich in diesem Jahr gelesen habe!

© Tintenhain


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Einzelband
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: DuMont Verlag (26. März 2021)
ISBN-13: 978-3-8321-8153-6
Preis: € 20,00 [D]
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Cover Ewald Arenz Der große Sommer
Cover © DuMont

16 Kommentare

  1. Guten Morgen!
    Ich habe eben auch meine Rezi eingestellt und bin genauso hin und weg von dieser wunderbaren Geschichte, die zu meinen Jahres-Highights gehören wird! Ein wunderbares Buch!
    Liebe Grüße
    Martina

  2. Guten Morgen Mona

    Ich kann deine Begeisterung verstehen. Alte Sorten habe ich als Hörbuch genossen und mir anschließend die gebundene Ausgabe geholt. Auch der große Sommer wird bei mir einziehen. Ich mag den Schreibstil von Arenz total gerne.

    Hast du eigentlich noch andere Bücher von dem Autor gelesen?

    Liebe Grüße und danke für deine eindrucksvolle Besprechung,
    Gisela

    1. Hallo Gisela, ich habe von Ewald Arenz vor längerer Zeit mal “Ehrlich & Söhne” gelesen. Das war anders eher schwarzhumorig. Mehr kenne ich leider nicht. Die Rezension zu “Ehrlich & Söhne” ist auch unter dieser Rezension verlinkt, falls du gucken möchtest.

      Liebe Grüße
      Mona

  3. Hallo und guten Tag Mona,

    der Ewald Arenz ist im übrigen 1965 in Nürnberg geboren und damit voll der Franke.
    Da ich selber in der Nähe von Nürnberg wohne und mich immer freue, wenn Autoren aus meiner Wohngegend komme möchte ich das gerne als Info mit einbringen.
    O.K…..LG…Karin..

    1. Hallo Karin, er hat gestern auch auf einer Online-Veranstaltung gesagt, dass seine Kleinstadt in “Der große Sommer” auch von Nürnberg mit inspiriert ist. Aber es ist nicht konkret Nürnberg. 🙂

      1. Hallo Mona,

        das “passt schon” wie wir in Franken so schön sagen …augenzwickern..
        LG..Karin..

  4. Hallo Mona,

    vorhin habe ich Martinas Rezension gelesen und jetzt deine begeisterte Meinung dazu. Das Buch wird hier definitiv einziehen. Auf die Wunschliste habe ich es mittlerweile gesetzt.

    Liebe Grüße & schönen Sonntag,
    Nicole

  5. Liebe Mona,
    mir hat „Der große Sommer“ auch sehr zugesagt und ich stimme mit Dir überein, daß Ewald Arenz‘ besondere Stärke in der lebensnahen, echten Figurenzeichnung liegt und in der glaubwürdigen Entwicklung, die diese Figuren durchmachen.
    Es ist ein Roman mit viel Gefühl, gleichwohl aber auch reflektiert gedankenvoll und insgesamt sehr atmosphärisch in Hinsicht auf die jahreszeitliche Stimmung und das 80er-Jahre-Ambiente.

    Nachfolgend der Link zu meiner Rezension, falls Du zu mir auf einen Lesebesuch kommen magst:
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2021/03/26/der-grose-sommer/

    Seinen vorherigen Roman „Alte Sorten“ habe ich übrigens auch noch im Rezensionsköcher: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/07/29/alte-sorten/

    Herzlich grüßt
    Ulrike von Leselebenszeichen

  6. Liebe Mona,
    gut, dass das Buch auch schon hier liegt. Für die Geschichte mache ich eine Ausnahme, denn so Coming-of-Age-Romane lese ich nicht mehr so gerne. Aber all die begeisterten Rezensionen haben mich dann doch angesteckt! 😀 Dabei spielt auch mit rein, dass mir “Alte Sorten” auch super gefallen hat. Bin nur noch nicht dazu gekommen, eine Rezi zu schreiben…
    GlG, monerl

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