Tintenhain – Der Buchblog

Lilja Sigurðardóttir: Das Netz (1) [Rezension]

Cover Lilja Sigurðardóttir Das Netz Band 1
Cover © Dumont Verlag

Wer ist die attraktive Frau, die regelmäßig den Zoll am Flughafen von Reykjavík passiert? Je aufmerksamer der Zollbeamte Bragi sie beobachtet, desto sicherer ist er sich: Diese Frau hat etwas zu verbergen.
Die junge Mutter Sonja hat bei einer schmutzigen Scheidung das Sorgerecht für ihren Sohn verloren. Sie setzt alles daran, ihn zurückzubekommen, kann sich aber nicht mal einen Anwalt leisten. Verzweifelt lässt sie sich darauf ein, Kokain nach Island zu schmuggeln. Nur ein paarmal, sagt sie sich.
Agla, einst eine hochrangige Bankerin, hat ganz andere Probleme: Sie muss sich nach dem isländischen Finanzcrash unbequeme Fragen zu ihrer Rolle in einigen dubiosen Deals gefallen lassen. Kein Grund, nervös zu werden – denkt sie.
Als sich Bragis, Sonjas und Aglas Wege kreuzen, entspinnt sich ein komplexes Netz der Kriminalität. Und bei jedem Versuch, sich daraus zu befreien, verstricken sie sich nur noch tiefer … (Inhaltsangabe © Dumont Verlag)

Durchgestylt, auf professionelle Geschäftsfrau getrimmt, einfallsreich und mit kühlem Kopf ist Sonja eine erfolgreiche Drogenkurierin in Island. Wie erfolgreich sie ist, ahnt sie nicht. Für sie geht es nur um ihren kleinen Sohn Tómas, für den sie das Sorgerecht zurückbekommen will. Durch Sonjas Affäre mit der Bankmanagerin Agla ist ihre Ehe mit Adam endgültig zerrüttet und Adam trifft Sonja dort, wo es am meisten schmerzt – ihrem gemeinsamen Sohn. Agla indessen, die es nicht wahrhaben will, dass Sonja für sie mehr ist als ein Ausrutscher, ist darauf bedacht, dass die Ermittler der Wirtschaftskriminalität nicht erfahren, was sie wirklich getan hat. Doch jeder ihrer Geschäftspartner, der in die schmutzigen Bankgeschäfte verwickelt ist, ist darauf bedacht, den Verdacht von sich zu weisen. Während sich die beiden Frauen immer tiefer in die krummen Geschäfte verstricken und ein Entkommen aussichtslos erscheint, wähnt sich der Zollbeamte Bragi auf einer heißen Spur. Noch einen großen Coup landen, bevor er in Rente geht und sich endlich um seine kranke Frau kümmern kann.

Lilja Sigurðardóttir steigt langsam ein und gibt dem Leser Zeit, die drei Hauptfiguren kennenzulernen. Sonja, die kühl und berechnend erscheint, aber letztendlich nur das verzweifelte Opfer ihrer Mutterliebe ist. Diese Frau, die mir Bewunderung abringt und die ich gleichzeitig gern nur irgendwie beschützen wollte. Agla, die sich immer in der von Männern dominierten Finanzwelt behaupten konnte und nun in ihrer Welt aus Verleugnung und Alkoholmissbrauch gefangen ist und die nicht ahnt, wie sich langsam das Netz um sie herum zuzieht. Und dann ist da Bragi, der sich rührend um seine an Demenz erkrankte Frau kümmert, die in einem Pflegeheim lebt. Der Zollbeamte, der pflichtbewusst seinen Dienst versieht und sich vehement weigert, früher in Rente zu gehen als er muss, ist sich sicher, dass diese Frau, die er immer wieder  am Flughafen sieht, zu perfekt ist, um nicht ein Geheimnis zu haben.

Die Figuren sind eine ganz große Stärke des Krimis „Das Netz“, der den Auftakt zu einer Trilogie bildet. Die Atmosphäre ist düster und es gibt eigentlich kaum etwas, worüber man sich freuen kann, von den kleinen Glücksmomenten zwischen Sonja und ihrem Sohn Tómas mal abgesehen. Doch selbst die sind immer von dem Drohszenario überschattet. Die Spannung, die sich vor allem von dem Bangen und Hoffen nährt, dass Sonja und Agla irgendwie dem Netz aus Drogen- und Wirtschaftskriminalität entrinnen können, steigt zusehends an. Auch wenn die Lage ausweglos ist und die Verzweiflung fast körperlich spürbar ist, so will man irgendwann nur noch, dass es endlich einen großen Knall gibt.

Wenn es um Drogen und Wirtschaftskriminalität geht, wird mit harten Bandagen gekämpft und so manches Mal habe ich mich beim Lesen gefragt, warum ich das eigentlich lese, wenn es mich doch so sehr mitnimmt. Doch auch wenn ich anfangs zweifelte, so konnte ich insbesondere im letzten Drittel das Buch nicht mehr aus der Hand legen und habe die letzten Seiten regelrecht inhaliert. Umso ernüchternder ist natürlich, dass der erste Band der Trilogie nicht in sich abgeschlossen ist, und nun das Warten auf die Fortsetzung beginnt.

Interessant fand ich auch Lilja Sigurðardóttirs manchmal schon fast zynischen Blick auf Island und das Selbstverständnis des kleinen Landes. Da ich eher die verklärend touristische Perspektive auf das Land kenne, war dies manchmal ernüchternd. Ob ich den zweiten Band der Reihe lesen werde, hängt sicher davon ab, ob ich mich im Herbst noch an genügend Details erinnern werde und ob Spannung und Neugier über die düstere, ohnmächtig machende Stimmung siegen werden.

© Tintenhain


Weitere Rezensionen von Bloggern
werden gern verlinkt

 Leseprobe


Die Island-Trilogie
1. Das Netz
2. Die Schlinge (Oktober 2020)
3. Der Käfig (März 2021)


DiWerbung
Trilogie, Band 1
Taschenbuch: 360 Seiten
Verlag: DuMont Buchverlag (16. Juni 2020)
Originaltitel: Gildran
Übersetzung aus dem Isländischen: Anika Wolff
ISBN-10: 3832165193
ISBN-13: 978-3832165192
Preis: € 10,00 [D]
eBook: € 4,99 [D] (08.06.2020)
Kauf
Cover Lilja Sigurðardóttir Das Netz Band 1
Cover © Dumont Verlag

5 Kommentare

  1. Ist Lilja Sigurðardóttir verwandt oder verschwägert mit Yrsa Sigurðardóttir? Deren Thriller liebe ich ja sehr!
    Ich werde mich mal nach der Lilja umschauen.
    LG
    Sabiene

    1. Ich finde ja, für 4,99€ (eBook) kann man nicht viel falsch machen. Deshalb hatte ich es mir spontan gekauft. Wenn du eBooks nicht magst, ist es natürlich eine Überlegung wert. Ich fand es sehr interessant und zum Ende hin spannend und dynamisch. Nur muss man dann auch die anderen Teile lesen. Es ist nicht wirklich in sich abgeschlossen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: