Christelle Dabos: Die Spiegelreisende – Die Verlobten des Winters (1) [Rezension]

Cover Christelle Dabos Die Spiegelreisende - Band 1 - Die Verlobten des Winters
Cover © Insel Verlag

Am liebsten versteckt sie sich hinter ihrer dicken Brille und einem Schal, der ihr bis zu den Füßen reicht. Dabei ist Ophelia eine ganz besondere junge Frau: Sie kann Gegenstände lesen und durch Spiegel reisen. Auf der Arche Anima lebt sie inmitten ihrer riesigen Familie und kümmert sich hingebungsvoll um das Erbe der Ahnen. Bis ihr eines Tages Unheilvolles verkündet wird: Ophelia soll auf die eisige Arche des Pols ziehen und einen Adligen namens Thorn heiraten. Was hat es mit der Verlobung auf sich? Wer ist der Mann, dem sie von nun an folgen soll? Und warum wurde ausgerechnet sie, das zurückhaltende Mädchen mit der leisen Stimme, auserkoren? Ophelia ahnt nicht, welche tödlichen Intrigen sie auf ihrer Reise erwarten, und macht sich auf den Weg in ihr neues, blitzgefährliches Zuhause. (Klappentext „Die Spiegelreisende“ © Insel Verlag)

Die Spiegelreisende ist mir in den letzten Monaten immer wieder einmal begegnet, doch erst als Leonie vom Bücherstammtisch von dem Fantasydebüt der französischen Autorin Christelle Dabos schwärmte, war mein Interesse erst richtig geweckt.

Ein Riss hat die Welt zerteilt. Um den blitzumtosten, aus Vulkanen bestehenden Erdkern kreisen die Archen – Bruchstücke, zwischen denen man nur auf den Winden reisen kann. Auf der Arche Anima lebt die junge Ophelia, der ihr Museum, in dem die Artefakte der Vergangenheit aufbewahrt werden, bedeutsamer ist als die Heiratspläne ihrer Familie. Ophelia ist eine sehr begabte Leserin, die  die Gegenstände mit bloßen Händen lesen und so mehr über die Geschichte ihrer Eigentümer erfahren kann. Bisher hat sie es geschafft, einer Heirat mit einem ihrer Vettern aus dem Weg zu gehen.

Doch nun soll Ophelia einen Mann von der Arche Pol hoch im Norden heiraten und dieses Mal kann sie nicht entkommen. Die Heirat wurde zwischen den Familiengeistern beider Archen beschlossen und Ophelia muss in den eisigen Norden ziehen. Am Hofe ihres Verlobten Thorn spürt sie sofort, dass sie auf der Hut sein muss. Jeder scheint gegen jeden zu intrigieren und es gibt scheinbar niemanden, auf den sie sich wirklich verlassen kann.

„Die Spiegelreisende“ – der Titel bezieht sich auf Ophelias zweite Gabe, sich durch Spiegel bewegen zu können – konnte mich von Anfang an fesseln. Obwohl das Tempo eher gemächlich ist, geht doch eine bemerkenswerte Faszination nicht nur vom Weltenbau, sondern vor allem auch von den Figuren Christelle Dabos‘ aus. Ophelia ist eine ganz besondere Heldin: schüchtern, in sich gekehrt und zugleich blitzgescheit und sich selbst treu. Sie weiß, was sie will, aber auch, wo ihre Grenzen sind. Auf Äußerlichkeiten legt die junge Frau keinen Wert, ein Umstand, der sie sich in ihrem neuen Zuhause im kalten Norden noch unwohler fühlen lässt. Auf der Arche Pol dreht sich alles um Äußerlichkeiten und Vergnügungen. Und nicht nur das Klima ist rau und unwirtlich, auch die Menschen hier scheinen einander keine Zuneigung gegenüber zu empfinden. Das Leben besteht aus Konkurrenz, Neid und Intrigen.

Wäre nicht Ophelias Patentante Roseline an ihrer Seite, Ophelia wüsste nicht, ob sie überhaupt noch jemanden hat, dem sie vertrauen kann. Thorns Familienmitglieder bleiben genauso undurchsichtig wie er selbst, wenn sie Ophelia nicht gleich mit offenem Hass begegnen. So kann sich Ophelia auch nicht erklären, warum ausgerechnet sie als Braut auserkoren wurde.

Eine weitere große Stärke des Romans ist die wunderbare Sprache, die augenscheinlich einfühlsam von Amelie Thoma ins Deutsche übertragen wurde. Die Autorin resp. die Übersetzerin schafft durch die ausgesuchte Wortwahl eine barocke Atmosphäre des (französischen) Hofs und das Gefühl, sich nicht nur in einer anderen Welt, sondern auch einer anderen Zeit zu befinden. Zudem schafft die Mischung aus Technik und Magie ein surreales Bild von der Arche, auf der Raum und Zeit außer Kraft gesetzt scheinen.

An der Seite Ophelias taucht man immer tiefer in die Gesellschaft der Arche Pol ein. Je mehr Personen man kennenlernt, umso mehr offenbaren sich die Geheimnisse und wer an welchen Strippen der Macht zieht. Christelle Dabos gelingt es, ihre Welt ganz nebenbei durch die kritischen Augen der gutherzigen, unerfahrenen Ophelia zu vermitteln, ohne dabei mit Erklärungen und Details zu langweilen. Die Stimmung des Romans ist weitestgehend düster und bedrohlich, so dass es mich fast wundert, wie sehr mich das Buch begeistern konnte. Irgendwann wird es doch hoffentlich einen Lichtblick für Ophelia geben?!

So freue ich mich auf die nächsten Bände von „Die Spiegelreisende“, in denen man hoffentlich noch weitere Archen und Bewohner mit magischen Gaben – ja, auch die auf Pol haben welche – zu treffen. Natürlich bin ich auch gespannt, wie es Ophelia gelingen wird, sich weiterhin zu behaupten und was tatsächlich in Thorn vorgeht. „Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast“ liegt schon bereit!

© Tintenhain


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Leseprobe

Die Spiegelreisende-Tetralogie
1. Die Verlobten des Winters
2. Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast
3. Das Gedächtnis von Babel
4. Im Sturm der Echos (erscheint 21.06.2020)


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Tetralogie, Band 1
Gebundene Ausgabe: 535 Seiten
Verlag: Insel Verlag (10. März 2019)
Originaltitel: La Passe-miroir – Les Fiancés de l’hiver
Aus dem Französischen: Amelie Thoma
ISBN-10: 3458177922
ISBN-13: 978-3458177920
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
Preis: € 18,00 [D]
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Cover Christelle Dabos Die Spiegelreisende - Band 1 - Die Verlobten des Winters
Cover © Insel Verlag

3 Kommentare

  1. Hallo, das Buch liegt auf meinem Bücherei SuB und ich bin echt schon gespannt, ob es mir auch so gut gefallen wird.
    Liebe Grüße,
    Petra

  2. Es freut mich sehr, dass dir das Buch auch gefallen hat, Mona! 🙂 Du hast dazu eine wunderbare Rezension geschrieben, mehrere Punkte kann ich genau so unterschreiben. 🙂

  3. Eine schöne Rezension zum Buch das mir auch gut gefallen hat. Die weiteren teile bringen Aufklärung und neue Fragen und ich habe sie gerne gelesen.

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