Margit Ruile: God’s Kitchen [Rezension]

Cover (c) Loewe Verlag

Chi sieht aus wie ein Kind. Blass und schmal. Die Züge so bleich. Die Haut zart und durchscheinend. Lange Wimpern an den Lidern der mandelförmigen Augen.
Fast echt.
Denn Chi ist ein Roboter, an dessen Programmierung die 19jährige Celine während ihres Praktikums am Institut für neuronale Informatik mitarbeiten soll. Obwohl Celine weiß, dass Chi nur eine Maschine ist, baut sie eine Beziehung zu ihr auf. Aber als es zu ungeklärten Todesfällen am Institut kommt, ist klar, dass das Projekt gestoppt werden muss. (Klappentext)

Endlich Semesterferien und Psychologiestudentin Celine hat nichts weiter in Aussicht als eine langweilige Hausarbeit. Da kommt ihr das Praktikum, das ihr ihre neue Freundin Pandora, Assistentin am Institut für Neuroinformatik, anbietet, wie gerufen. Es kommt ihr vor wie eine andere Welt als sie das Institut zum ersten Mal betritt und dort in „God’s Kitchen“ auf Chi trifft, eine künstliche Intelligenz, mit der Celine trainieren soll. Bei den täglichen Begegnungen mit Chi, die so unglaublich echt und unheimlich lebendig wirkt, lässt sich Celine immer mehr auf dieses Wesen, das doch eigentlich nur eine Maschine ist, ein. Doch die Aufgaben, die Celine bekommt, werden immer merkwürdiger und Celine bekommt zunehmend das Gefühl, dass sie in Gefahr ist.

Mich reizt das Thema „Künstliche Intelligenz“ nicht nur aufgrund der Möglichkeiten, die der Forschung heutzutage zur Verfügung stehen und wie weit diese inzwischen fortgeschritten ist. Vielmehr treibt mich die Frage um, wie weit man gehen darf und wie groß die Risiken sind, eine selbständig lernende und schlussfolgernde Maschine zu entwickeln. Daher war ich sehr gespannt, wie Margit Ruile dieses Thema angehen würde.

Zu meiner Überraschung kommt in „God’s Kitchen“ ein Schuss Esoterik hinzu, denn Celine, und damit verrate ich nicht zuviel, verfügt über die Gabe der Hellsichtigkeit. Immer wieder kommt es vor, dass plötzlich Bilder von Ereignissen in ihrem Kopf auftauchen, die später wahr werden und die sie vor allem nicht verhindern kann. In Celines Augen ein Fluch, über den sie mit niemandem spricht. Schließlich möchte sie nicht für verrückt erklärt werden.
Damit ist die Hauptfigur ein außerordentlich spannender Charakter, verletzlich und zugleich überlegen. Auch Celines Freundin Pandora, die engagiert an Chi arbeitet, ist eine bemerkenswerte, jedoch sehr undurchsichtige Person, ebenso wie der Programmierer Kim, der versucht Chis Mimik so echt wie möglich zu gestalten. Alles interessante, vielversprechende und bildhaft gezeichnete Figuren, bei denen für meinen Geschmack jedoch eher an der Oberfläche gekratzt wird.

Der Fokus liegt eher auf der Entwicklung der Geschichte, die gut konstruiert und leicht lesbar ist. Die Spannung wird konstant gehalten, wobei der Roman nicht von Actionszenen lebt, sondern die leisen Töne, die die Autorin anschlägt, entscheidend zur Atmosphäre dieses Science-Thrillers beitragen. Die Verletzlichkeit der Protagonisten, die stark sein müssen, um zu überleben, hat mich berührt.
Während Margit Ruiles technischer Thriller „Dark Noise“ für mich anfangs eher verwirrend zu lesen war, hat sich diese Leseerfahrung bei „God’s Kitchen“ nicht wiederholt. Sie erzählt stringent und logisch, durchsetzt von kursiv eingefügten Visionen. Der Mix aus Esoterik und Science Fiction ist glaubhaft gelungen und verstärkt den Eindruck des Wahnwitzes computerdatenbasierter Zukunftsprognosen.

© Tintenhain

Leseprobe

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Margit Ruile: God’s Kitchen

Einzelband
Taschenbuch: 320 Seiten
Verlag:
Loewe (12. März 2018)
ISBN-10:
3785584474
ISBN-13:
978-3785584477
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
Preis: € 14,95 [D]
Rezensionsexemplar

Cover (c) Loewe Verlag

 

12 Kommentare

  1. Liebe Mona
    Esoterisch würde ich es jetzt nicht ganz so nennen, eher Übersinnlich ;).
    Das Wort Esoterisch würde mich jetzt abhalten das Buch zu lesen, aber bei Übersinnlichkeit, da würde ich dann eher zugreifen.
    Hast du schon die anderen Bücher der Autorin gelesen und wenn ja, welches Buch gefällt dir bisher am besten von der Autorin?
    Es grüßt dich lieb
    Nicole

    1. Liebe Nicole,

      danke für den Hinweis. Da es keine allgemeingültige feststehende Definition für Esoterik gibt und Hellsichtigkeit durchaus auch im Zusammenhang mit Esoterik besprochen wird, sehe ich da keinen Fehler. „Übersinnlich“ oder „paranormal“ wäre natürlich allgemeiner gehalten und würde vielleicht nicht so sehr an schwülstige Mystik denken lassen. Kann schon sein. War eben das Wort, das mir als erstes in den Sinn kam.
      Ich kenne von Margit Ruile sonst nur „Dark Noise“. Da fand ich den Einstieg schwierig, aber grundsätzlich gefiel es mir gut. Ihre Bücher scheinen eine ganz eigene Atmosphäre zu haben. Hast Du „God’s Kitchen“ gelesen?

      Liebe Grüße,
      Mona

  2. Hallo Mona,

    das Buch ist mir schon irgendwo (Verlagsvorschau?) aufgefallen und da hat’s schon mein Interesse geweckt. Ich glaube, das packe ich auf die Wunschliste. Es klingt schon interessant & gut.

    Liebe Grüße,
    Nicole

  3. Liebe Mona,
    ich hab nicht gesagt das du etwas falsch gemacht hast, das war ja auch gar nicht ein Beweggrund bei dir zu kommentieren, sondern ich hab nur von mir gesprochen. Deswegen war ich gleich mal geschockt das du schreibst du hast keinen Fehler gemacht und komme nach drei Stunden wieder um noch einmal zu kommentieren ;).
    Also ich selbst weiß ja das Margit sehr interessante Bücher geschrieben hat, ihr vorletztes Buch hat mir leider nicht zugesagt, aber die anderen Bücher schon. Bei ars Edition sind total schöne Kinderbücher (mit ein wenig Fantasie) heraus gekommen, kann ich dir echt nur empfehlen, die mit deinen Kindern mal zu entdecken.
    Sei lieb gegrüßt
    Nicole

    ps.: Und ich wollte dir echt nicht auf die Füße treten, entschuldige, falls das bei dir so angekommen ist.

    1. Liebe Nicole,

      Du brauchts nicht schockiert zu sein und ich bis auch nicht sauer oder so. Ich habe das tatsächlich so verstanden, dass Du meinst, ich habe einen falschen Begriff benutzt und natürlich antworte ich dann auch darauf. Ich hab sogar erst ein bisschen recherchiert. Es ist also alles gut.
      Ich kenne bisher keine anderen Bücher von Margit Ruile. Wenn Dir „Dark Noise“ nicht so zugesagt hat, weiß ich nicht, ob Du „God’s Kitchen“ mögen würdest. Es ist schon auch eine etwas düstere Zukunftsvision, die gar nicht so unwahrscheinlich klingt.
      Wenn Du magst, schicke ich Dir das Buch gern zu. Aus Platzgründen müsste ich mich ohnehin früher oder später davon trennen.

      Liebe Grüße,
      Mona

  4. Liebe Mona,
    Ich habe das Buch auch auf dem Reader und bin jetzt etwas in meiner Vorfreude gebremst…mit Esoterik habe ich so gar nichts am Hut, aber ich lasse mich demnächst einfach mal überraschen.
    Liebe Grüße, Heike 🌸

    1. Es geht nur um das Vorhersagen („Hellsehen“), vielleicht hältst du es eher mit Nicole, die es lieber „übersinnlich“ nennen würde? Ich hab nur keine Lust, den Text zu ändern. 😉

  5. Hab jetzt nur mal dein „Fazit“ zum Buch gelesen, da das Buch bei mir auf dem SuB liegt und darauf wartet gelesen zu werden. 🙂
    Ich freue mich auf jeden Fall auf das Buch und bin sehr gespannt darauf wie es mir gefallen wird.

    Liebe Grüße
    Miri

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