Robert M. Sonntag: Die Scanner [Rezension]

Cover Die Scanner Robert. M. Sonntag
Cover © Fischer Verlage

Die Welt im Jahr 2035 ist eine Welt ohne Papier. Alles ist digital und für alle zugänglich – dank der Datenbrille Mobril: jederzeit und kostenlos. Rob arbeitet als Scanner für einen Megakonzern: Er digitalisiert er die letzten gedruckten Dokumente und stößt dabei eines Tages auf eine verbotene Organisation aus arbeitslosen Autoren, Buchhändlern und Journalisten. Kurz darauf sieht Rob sein eigenes Bild als Top-Terrorist auf allen TV-Kanälen. Im Kampf um Monopolisierung und Macht ist er mit einem Mal der Staatsfeind Nummer eins … (Inhaltsangabe © Fischer Verlag)

Empty stacks in Hatcher Graduate Library (University of Michigan Library)
vorübergehend leere Regale in der Hatcher Graduate Library (University of Michigan Library) originally posted to Flickr by mollyali

Alles Wissen für alle! Jederzeit! Kostenlos!

Im Jahre 2004 begann das Unternehmen Google damit, zunächst Werke, die nicht mehr urheberrechtlich geschützt waren, einzuscannen, um das Wissen aus Büchern für eine Volltextsuche aufzubereiten. Zunehmend wurden auch urheberrechtlich geschützte Werke gescannt und digitalisiert. Bibliotheken stellten ihre Bücher zur Verfügung, aber auch Kritik wurde laut. Bis heute weiß man nicht, wie viele Bücher bereits von Google gescannt wurden.

Spinnen wir das Ganze doch mal weiter. Im Jahr 2035 – die letzten Kriege sind vorbei – gibt es den Konzern Ultranetz, der digitalisiertes Wissen für Jedermann und Jederfrau bereit hält, abrufbar immer und überall. Sogenannte Scanner sind auf der Jagd nach den letzten Büchern und bieten einen großzügigen Betrag für einen „Stapel Papier“. Papier wird ohnehin nur noch zum Heizen gebraucht. Die Bücher werden eingescannt und ihr Inhalt allen kostenlos zur Verfügung gestellt.

Abrufbar sind die Daten dann mit der Mobril, die man sich vielleicht als Weiterentwicklung des „Google Glass“ vorstellen kann. Ein Gerät, mit dem man jederzeit Zugriff auf das Ultranetz hat – außer auf der Toilette, dem einzigen stillen Örtchen, an dem man weder beobachtet noch mit Werbung bombardiert wird.

Der junge Robert M. Sonntag, dessen Buch ich in den Händen halte, ist einer dieser Scanner, die für ein richtiges Buch aus Papier ihre Moral über Bord werfen. Jedes Buch, das Rob an seinen Chef Nomos liefert, sichert sein eigenes Überleben. Es gibt nicht mehr viele Bücher, die Jagd wird immer aufwändiger und Rob und sein Freund Jojo, der ebenfalls Scanner ist, machen sich Sorgen um ihre Prämie.

Doch dann trifft Rob auf Arne Bergmann, den gesuchten Führer der Büchergilde, einer geheimen Organisation von Autoren, Buchhändlern und Gelehrten. Durch ihn erfährt er, was mit den gescannten Büchern geschieht und welche Gefahr sich dahinter verbirgt. Schneller als er ahnt, ist Rob plötzlich mittendrin im Widerstand gegen Ultranetz.

„Die Scanner“ bietet ein spannendes Szenario, das es so ähnlich auch schon in Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ gibt. Hier werden Bücher „gejagt“ und verbrannt. Bei die Scanner gibt es noch einen Zwischenschritt – das Scannen. Das Wissen wird bewahrt. Scheinbar. Denn man ahnt schnell, was mit Wissen, das in einer Hand gebündelt ist, geschieht. Wer bestimmt, wer was wissen darf?

Robert M. Sonntag, hinter dem sich der Journalist Martin Schäuble verbirgt, zeigt auf, welche Macht ein Konzern hat, der alles unter seine Kontrolle bringt und spielt dabei auch gern auf klassische Dystopien wie „Schöne neue Welt“ (Huxley), „1984“ (Orwell) oder eben „Fahrenheit 451“ (Bradbury) an. Ein schöner Kniff übrigens, um junge Leser auf diese Werke aufmerksam zu machen.

Das Thema „kostenlos zur Verfügung gestelltes Wissen“ erinnert an die Debatte um (illegale) eBook-Plattformen und wird meiner Meinung nach mit erhobenen Zeigefinger behandelt. Rob trifft auf arbeitslose Autoren und Buchhändler oder auch einen „echten Buchagenten“ – Menschen, die Bücher machten und nun um ihren Lebensunterhalt gebracht wurden. Dabei stimme ich dem Autor durchaus zu, doch las es sich ein wenig so, als habe Schäuble überlegt, wie er das Thema lehrreich in eine Geschichte verpacken könnte, statt eine Geschichte um ihrer selbst Willen zu erzählen.

Sprachlich hat mir das Buch ganz gut gefallen, wobei es für mich eher nüchtern anmutete, sachlich und mit wenig Gefühl. Die beschriebenen Szenen von alten Menschen, die nardol-narkotisiert vor sich dahin vegetieren, lösten kaum Entsetzen aus und auch die kleine Liebesgeschichte war kein bisschen romantisch.

„Die Scanner“ hat mir thematisch sehr gut gefallen, die Umsetzung wäre aber durchaus ausbaubar gewesen.

© Tintenhain


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Cover Die Scanner Robert. M. Sonntag
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2 Kommentare

  1. Ach schade, dass du nicht ganz so begeistert von dem Buch warst. Vom Inhalt her klingt es wirklich sehr interessant. Doch die Kritik, die du an der Umsetzung hast, die hält mich davon ab es mir zu kaufen. Vielleicht leihe ich es mir mal aus der Bücherrei aus. 🙂

    Liebe Grüße
    Miri

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