Maja Ilisch: Die Spiegel von Kettlewood Hall [Rezension]

Cover (c) Droemer Knaur Verlag
© Droemer Knaur Verlag

Gruselige Bewegungen in den Spiegeln und ein magisches Schachspiel: Eine Schachfigur, der einzige Nachlass ihrer Mutter, weist der jungen Iris den Weg nach Kettlewood Hall. Tatsächlich wird sie weit freundlicher aufgenommen, als es der unehelichen Tochter einer Dienstmagd gebührt. Über die Rückkehr der Figur herrscht besondere Freude, vor allem bei Victor, dem Sohn des Earls, doch schon bald mutet das Verhalten der Hausbewohner seltsam an. Als Iris das Schachbrett entdeckt, zu dem der Springer gehört, macht sie einen Zug, der prompt am nächsten Tag beantwortet wird. Iris ahnt nicht, dass sie mit ihrem Leben spielt – und mit dem Victors. (Klappentext)

Die vierzehnjährige Iris Barling arbeitet in einer Textilfabrik in Leeds für einen Hungerlohn. Mit diesem muss sie seit dem Tod ihrer Mutter auch noch die unleidliche Großmutter durchbringen, die nicht mal besonders viel für ihre unehelich geborene Enkelin übrig hat. Das Geld reicht vorn und hinten nicht und den Avancen der Männer in der Fabrik und des Vermieters will Iris nicht nachgeben. Das einzige, was Iris von ihrer Mutter besitzt, ist ein hölzernes Pferd, eine Schachfigur, wie sie später von ihrem Lehrer erfährt. Die Mutter war damals zornentbrannt als sie Iris mit dem Pferd spielen sah und seitdem hat Iris die Figur nicht wieder gesehen. Doch Iris ist sich sicher, dass die Figur irgendwo versteckt sein muss und gleichzeitig der Schlüssel zur Vergangenheit ihrer Mutter. Mit der Schachfigur beginnt für Iris ein neues Leben, denn sie öffnet ihr die Türen von Kettlewood Hall, dem Anwesen, in dem ihre Mutter vor langer Zeit als Dienstmädchen beschäftigt war und wo alles begann. Schon bald versteht Iris, warum ihre Mutter niemals über Kettlewood Hall gesprochen hat, denn in dem alten Adelssitz gehen unheimlich Dinge vor sich und die Schatten in den Spiegeln sind nur der Anfang.

„Die Spiegel von Kettlewood Hall“ ist ein sehr atmosphärischer, viktorianischer Gruselroman, der mich von der ersten Seite an zu fesseln vermochte. Bildhaft entsteht das harte Leben in der Textilfabrik, wo das junge Mädchen täglich an den Maschinen steht – zwei Schritte vor, zwei Schritte zurück, viermal in der Minute. Und wehe, man kommt aus dem Tritt!
Mit Iris begegnet der Leser einer authentischen und sympathischen Ich-Erzählerin, die man nur allzu gern auf der Suche nach dem Geheimnis von Kettlewood Hall begleitet. Auch die anderen Figuren wie der vom Leben enttäuschte, sich dem Alkohol hingebende Lehrer, die verbitterte Großmutter und die eigentümlichen Bewohner von Kettlewood Hall sind sehr lebhaft und einprägsam gezeichnet.

Mit Iris‘ Eintreffen auf Kettlewood Hall wandelt sich die düster-viktorianische Fabrikatmosphäre in eine unheimliche Landhausstimmung mit exzentrischen Adligen und verängstigtem Dienstpersonal. Zwei unheimliche Hunde, die Iris bereits aus ihren Träume kennt, bewachen jeden ihrer Schritte, in den Spiegeln huschen Schatten umher und das Schachspiel, dessen fehlende Figur sich nun wieder an ihrem Platz befindet, scheint ein Eigenleben zu führen. Schlimmer noch, es scheint enger mit der Realität verknüpft zu sein als den Bewohnern Kettlewood Halls lieb sein kann.

Maja Illisch gelingt es, den Leser von Anfang an zu fesseln und stimmungsvoll in das düstere viktorianische Zeitalter zu führen. Schnell entstehen lebendige Bilder, die die Seiten nur so dahin fliegen lassen. Die Spannung wird nicht unbedingt konstant gehalten, da sich vieles bereits früh abzeichnet und es nicht allzu viele Überraschungen gibt. Jedoch weiß man nie, wem Iris am Ende vertrauen kann und wie das Spiel ausgehen wird, so dass man das Buch dann doch nicht weglegen mag. Besonders gut haben mir von Anfang an die sprachlichen Verknüpfungen mit dem Schachspiel gefallen, die vor allem zu Beginn des Romans immer wieder auftauchen. Allein dadurch wird bereits eine besondere Atmosphäre erzeugt. Mann muss jedoch nicht des Schachspiels kundig sein, um der Handlung folgen zu können.

Illisch erzählt flüssig und lebendig, die kleine eingeflochtene Liebesgeschichte bleibt zart und unaufdringlich. Die Mischung aus geschichtlichem, gut recherchiertem Hintergrund mit vielen Details, der mystischen Gruselgeschichte, Spannung mit einem Hauch Liebe hat mir unglaublich gut gefallen und ich hätte noch länger auf Kettlewood Hall verweilen können.

Von mir gibt es eine unbedingte Leseempfehlung!

© Tintenhain

Leseprobe

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Maja Ilisch: Die Spiegel von Kettlewood Hall

Einzelband
Taschenbuch: 448 Seiten
Verlag: Knaur TB (3. April 2018)
ISBN-10: 3426520788
ISBN-13: 978-3426520789
Preis: € 9,99 [D]
Rezensionsexemplar

Cover (c) Droemer Knaur Verlag
© Droemer Knaur Verlag

9 Kommentare

  1. Hallo Mona,
    „atmosphärischer Gruselroman“ – damit hast Du ja schon mein Interesse geweckt.
    Auch der Rest deiner Rezi überzeugt, also ab auf die Wunschliste damit.
    Danke Dir für die tolle Buchvorstellung!
    Liebe Grüße
    Ela

  2. Hallo Mona,
    das erinnert mich ganz an deine Empfehlung von „Geisterfjord“. Bin schon sehr gespannt auf das Buch. Aber diesmal werde ich es zur Schonung meiner Nerven nicht mehr im Hotelzimmer mit knarzendem Fußboden lesen 😀
    Liebe Grüße
    Rena

    1. Hallo Rena,

      also „Geisterfjord“ ist eine ganze Nummer härter, würde ich sagen. Das hier ist gepflegter Wohlfühl-Grusel, leichte Schauer vielleicht nicht ausgeschlossen, aber völlig undramatisch. Also im Vergleich. 😀

      Liebe Grüße,
      Mona

  3. Cover & titel sind schon fein und dann noch so begeisterte Eindrücke von dir!

    Atmosphärische Gruselgeschichte klingt nach einem Buch für mich! Und wenn die Liebesgeschichte nur ein kleiner(?) zarter Teil es Ganzen ist, ein WuLi-Buch (=

    Hab einen feinen Abend :-*

    By the way – welches Plugin nutzt du für die Kommis? Dieses WPdiscusz oder wie das heißt?

    1. Da muss ich nachgucken. Ich glaube, es heißt anders. Halte mich heute Abend vom PC fern und lese statt dessen endlich mal wieder. Ich träume sonst die nächste Nacht auch noch vom Blog. Ich war heute Nacht kurz davor aufzustehen und was nachzugucken. 😄

  4. Hi!
    Die Rezension klingt schön! Das Buch wandert höher auf meiner Wunschliste. Zuerst war ich unsicher gewesen, dass es zu heftig für mich sein könnte und hatte es ganz weit unten auf meiner Liste. Bin nicht so sehr der Gruselfanatiker.

    Liebe Grüße
    Ani

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