Tintenhain – Der Buchblog

Vera Zischke: Pina fällt aus [Rezension]

Cover Vera Zischke: Pina fällt aus
Cover © Ullstein Verlage

Als Pina mitten auf der Straßenkreuzung zusammenbricht, hat sie nur einen Gedanken: Wer kümmert sich jetzt um Leo? Ihr Sohn ist zwanzig Jahre alt und lebt in seiner eigenen Welt, die außer ihm nur Pina kennt. Morgens verlässt er das Bett erst, wenn eine grüne Blase in seiner Lavalampe aufsteigt. Wenn er Treppen geht, dann in seinem eigenen Rhythmus: immer zwei Schritte vor und einen Schritt zurück.
Die übrigen Hausbewohner verstehen den merkwürdigen Jungen nicht. Die sechzehnjährige Schulabbrecherin Zola, der resignierte Einsiedler Wojtek und die lebensmüde Seniorin Inge haben mit sich selbst schon genug zu tun. Doch jetzt liegt Pina auf der Intensivstation und Leo ist zum ersten Mal allein in der Wohnung. Die Nachbarn sind in Schockstarre. Sie können doch wohl nicht zuständig sein! Aber Leo braucht sie. Und während diese ungewöhnliche Truppe durch einen völlig neuen Alltag stolpert, realisiert jeder Einzelne von ihnen: Sie brauchen Leo auch. (Inhaltsangabe © Ullstein Verlag)

Eindringlich, authentisch und so gut…

Nach “Ava liebt noch” habe ich mich ganz besonders auf dieses Buch gefreut. Im Mai war ich bei einer Lesung in der Buchhandlung Graff, wo Vera Zischke ihr Buch auf ganz besonders berührende und humorvolle Art vorstellte.

Die alleinerziehende Pina bricht aufgrund einer extremen Erschöpfung und eines Magendurchbruchs mitten auf einer Straßenkreuzung zusammen und kommt auf die Intensivstation. Zurück bleibt ihr 20-jähriger autistischer Sohn Leo, der gerade bei der Nachbarin Inge weilt, die einmal in der Woche auf ihn aufpasst, damit Pina einkaufen gehen kann. Leo ist auf feste Routinen angewiesen und er ist es gewohnt, dass sich ausschließlich seine Mutter um ihn kümmert. Inge, über 80 und lebensmüde, holt sich zur Verstärkung die anderen Hausbewohner heran: die 16‑jährige Schulabbrecherin Zola und den in sich gekehrten Wojtek. Widerwillig beginnt die Hausgemeinschaft, sich um Leo zu kümmern, obwohl die Nachbarn anfangs völlig überfordert sind. Nach und nach wächst die ungewöhnliche Truppe zu einer festen Gemeinschaft zusammen und merkt, dass sie nicht nur Leo helfen, sondern auch einander brauchen.

Anhand von Pina, die sich seit 20 Jahren als alleinerziehende Mutter rund um die Uhr um ihr behindertes Kind kümmert, zeigt Zischke gesellschaftliche Missstände auf. Geradezu liebevoll und einfühlsam beschreibt sie, wie die Welt eines autistischen Menschen aussieht und welche Herausforderungen dies an dessen Umwelt stellt. Aber es geht auch um Altersarmut, Isolation und Einsamkeit.

Vera Zischke schreibt so unglaublich empathisch und humorvoll, dass es einfach ein Genuss ist. Das Thema ist nicht leicht und trotzdem habe ich oft geschmunzelt oder laut gelacht. Ganz nebenbei gelingt es ihr, auch kritische Gedanken zu unserer Gesellschaft und dem aktuellen Stand von (kaum vorhandener) Inklusion einzubringen. Ich konnte ihr die ganze Zeit nur zustimmen. Auch die Figuren sind liebevoll und authentisch gezeichnet. Je besser man sie kennenlernt, umso mehr fühlt man, wie sehr sie einander brauchen. Man hofft, dass es alles wie im Märchen ein gutes Ende nehmen möge.

© Tintenhain


Leseprobe


Einzelband
Broschiert: 304 Seiten
Verlag: Ullstein Verlag (26. März 2026)
ISBN-13: 9783471370063
Preis: € 21,99 [D] auch als E-Book
Kauf
Cover Vera Zischke: Pina fällt aus
Cover © Ullstein Verlage

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