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Jacqueline Harpman: Ich, die ich Männer nicht kannte [Rezension]

Cover Jacqueline Harpman: Ich, die ich Männer nicht kannte
Cover © Klett Cotta Verlag

In einem unterirdischen Gefängnis sitzen neununddreißig Frauen. Was übertage geschehen ist, wissen sie nicht: Wurde die Welt verlassen, von einem Virus verwüstet? Die Frauen können sich nicht erinnern, wie sie in den Käfig gelangt sind, haben jegliches Zeitgefühl verloren und nur eine vage Ahnung von ihrem alten Leben. Ihre Aufseher, sechs schweigsame Männer in Uniform, sprechen nicht mit ihnen und berühren sie nur, um sicherzustellen, dass keine von ihnen versucht, sich das Leben zu nehmen. Eines Tages ertönt ein Alarm, und die Wachen verschwinden; die Tür steht offen. Als erste wagt jene vierzigste Gefangene den ersten Schritt, die nichts als das Gefängnis kannte. Doch anders als erhofft, finden die Frauen draußen nicht die Freiheit, sondern eine Welt, die sie nicht wiedererkennen und in der sie lernen müssen, sich gemeinsam zurechtzufinden.  (Inhaltsangabe © Klett Cotta Verlag)

Düstere, faszinierende Dystopie mit Sogwirkung

Wow, wie krass! Ich wollte eigentlich nur mal kurz hineinlesen, um zu entscheiden, ob ich das Buch
wirklich lesen will. Ich konnte es gar nicht mehr beiseitelegen und habe es in einem Rutsch gelesen.

“Ich, die ich Männer nicht kannte” beginnt in einem unterirdischen Bunker. Neununddreißig erwachsene Frauen und ein junges Mädchen, die namenlose Ich-Erzählerin, leben dort eingesperrt in einem großen Käfig. Tag und Nacht brennt durchgehend das elektrische Licht. Die Gefangenen haben jegliches Gefühl für Stunden, Tage oder Jahre verloren – bis die Ich-Erzählerin, die fast ihr ganzes Leben hier verbracht hat, damit beginnt, die Zeit zu messen und dadurch ein Stück Unabhängigkeit erlangt. Sie weiß nicht, wie lange sie schon hier ist und auch die erwachsenen Frauen wissen nicht mehr, wie oder warum sie entführt wurden. Sie haben nur noch vage Erinnerungen an ihr früheres Leben.

Die uniformierten Wärter sprechen niemals mit den Frauen. Den Frauen ist es strengstens untersagt, sich gegenseitig zu berühren, zu trösten oder Intimität zu zeigen. Keiner weiß, warum. Doch dann geschieht das Unfassbare: Während einer Essensausgabe ertönt plötzlich eine laute Sirene. Die Wärter geraten in Panik, lassen alles stehen und liegen und fliehen. Die Tür bleibt geöffnet und die Frauen wagen sich langsam ans Tageslicht. Doch auch die Welt draußen bleibt rätselhaft. Doch die Frauen können zusammen den Versuch eines gemeinsamen Lebens wagen.

Der Roman ist, wie man sich denken kann, unfassbar düster. Alles ist wenig, alles ist karg und trostlos. Und doch ist es faszinierend, wie Menschen sich in Extremsituationen verhalten. Die Autorin bringt es in klaren, einfachen Sätzen oft auf den Punkt, was das Leben ausmacht – vor allem, wenn es fehlt.

Jacqueline Harpman (1929 – 2012), eine belgische Schriftstellerin und Psychoanalytikerin, beschreibt in ihrem Roman bereits 1995 veröffentlichten Roman auf faszinierende Weise ein existentielles Gedankenexperiment mit psychologischem Tiefgang. Was das Buch besonders macht, ist vor allem der Blickwinkel der Ich-Erzählerin, der jeder Begriff von Gesellschaft, Liebe, Familie oder Geschlechtern fehlt. Sie betrachtet Phänomene wie die Menstruation, das Altern oder die Sehnsucht der älteren Frauen nach Liebe völlig nüchtern und fast wissenschaftlich. Nüchtern, präzise und distanziert ist auch der Schreibstil der Autorin, der das Erleben der jungen Frau hervorragend wiedergibt.

Ich finde den Roman sehr fesselnd geschrieben und obwohl man dank der Einführung weiß, dass man keine Antworten auf die vielen Fragen bekommen wird, hofft man doch bis zum Schluss, genauso wie die Protagonistin, dass man doch noch mehr zu den Hintergründen erfährt. Wahrscheinlich ist das mit am schwersten auszuhalten – nie mehr zu wissen als die Erzählerin in ihrer Einsamkeit. Ich fand es großartig!

© Tintenhain


Leseprobe

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Einzelband
Hardcover: 224 Seiten
Verlag: Klett Cotta (14. März 2026)
Originaltitel: Moi Qui N’ai Pas Connu Les Hommes
Übersetzung aus dem Französischen: Luca Homburg
ISBN-13: 978-3-608-96670-1
Preis: € 24,00 [D]
auch als E-Book
Bibliothek
Cover Jacqueline Harpman: Ich, die ich Männer nicht kannte
Cover © Klett Cotta Verlag

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