Nina Laurin: Böser als du denkst [Rezension]

Nina Laurin Böser als du denkst Cover
Cover © Knaur Verlag

“… wird polizeilich gesucht. Falls Sie etwas über den Aufenthalt des Verdächtigen wissen, rufen Sie bitte folgende Nummer …”
Ich wende meinen Blick abrupt zum Fernseher und sehe das Gesicht meines Zwillingsbruders, in Lebensgröße. Es ist ein Schock, der mir den Atem raubt. Hier ist mein Bruder, den ich zum letzten Mal vor 15 Jahren sah – nach dem Brand, der unsere Eltern tötete. Rußbedeckt, die Hand um ein Feuerzeug gekrampft, die Knöchel hoben sich weiß ab von Staub und Asche. Alle haben gesagt, er würde mal ein Herzensbrecher. Doch sein Gesicht ist jetzt eingefallen, Bartstoppeln bedecken Kinn und Wangen, seine Augen sehen stumpf aus.
Mein erster Gedanke: Er ist es nicht. Nicht mein schöner Bruder, der Golden Boy, den jeder liebte. Aber tief in meinem Inneren wusste ich immer, dass dies geschehen würde. Was hast du diesmal getan, Eli? Was zum Teufel hast du getan? (Inhaltsangabe © Knaur Verlag)

Andrea Boudreaux ist Sozialarbeiterin und hat ihr Leben halbwegs gut im Griff. Bis eines Abends auf dem Heimweg ein Mann auf der Straße steht – blutüberströmt. Andrea kann gerade noch bremsen, von einem Mann keine Spur. Hat sie sich die Person eingebildet? Wer war der Mann? Kurz darauf erfährt Andrea, dass ihr Zwillingsbruder Eli wieder auf freiem Fuß ist. 15 Jahre verbüßte er seine Strafe für den Doppelmord an den Eltern. Damals waren die Geschwister 12 Jahre alt. Andrea wurde gemobbt, während Eli der Sonnenschein und Liebling aller war. Was genau war geschehen? Als ein Mord geschieht, gerät Eli sofort unter Verdacht. Zeit für Andrea, in die Vergangenheit zurückzukehren.

„Böser als du denkst“ ist ein eher ruhiger und trotzdem spannender Thriller, wenn man das so sagen kann. Die Geschichte von Andrea und Eli wird aus mehreren Perspektiven beleuchtet. Als Ich-Erzählerin beggenen wir Andrea in der Gegenwart, 15 Jahre zuvor in der dritten Person, jedoch auch i9mmer ganz dicht an Andrea. Außerdem erfahren wir anhand des (Hör-)Buches des Journalisten Jonathan Lamb, wie dieser ein Porträt von Eli nach der Tat zeichnet. Er ist dabei sensationslüstern und zeichnet den 12jährigen Jungen als empathielosen Soziopathen, ohne sich wirklich mit ihm auseinanderzusetzen.

Andrea als Protagonistin ist nie ganz durchsichtig, jedoch bleibt sie immer authentisch und ihr Verhalten ist nachvollziehbar. Interessanterweise entwickelt sie sich während der kurzen Zeit, die in der Gegenwart beschrieben wird, enorm weiter. Sie beginnt erstmals Position zu beziehen und das Geflecht aus Lügen, Schuldzuweisungen, Intrigen und Missbrauch, das ihr bisheriges Leben bestimmt hat, zu durchschauen. Natürlich wird man auch immer wieder als Leser aufs Glatteis geführt, denn schließlich sollen ein paar Plottwists auch immer wieder für Überraschungen sorgen.

Nina Laurin gelingt es, ihren beiden Hauptfiguren Andrea und Eli ein widersprüchliches und gleichzeitig stimmiges Gesicht zu geben. Es ist faszinierend, wie sie deren Psyche beschreibt und in die Gedankenwelt von Eli und Andrea eintaucht. Dabei schafft sie es, nicht zu verurteilen, sondern einfach zu beschreiben. Es wird auch nicht entschuldigt oder beschönigt. Ein ganz großes Plus für diesen Thriller.

Dennoch hatte ich immer wieder das Gefühl, mich im Kreise zu drehen. Mal schneller, mal langsamer in einer Spirale, die zum Abgrund führt, dabei aber immer wieder die gleichen Punkte berührt. Daher fand ich das Lesen zeitweise ermüdend.

© Tintenhain


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Einzelband
Broschiert: 384 Seiten
Verlag: Knaur HC (1. März 2019)
Originaltitel: What My Sister Knew (2018)
Übersetzung aus dem Kanadischen: Alice Jakubeit
ISBN-10: 3426654113
ISBN-13: 978-3426654118
Preis: € 14,99 [D]
Rezensionsexemplar
Nina Laurin Böser als du denkst Cover
Cover © Knaur Verlag

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