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Verena Keßler: Die Gespenster von Demmin [Rezension]

Cover Verena Keßler: Die Gespenster von Demmin
Cover © Hanser

Larry lebt in einer Stadt mit besonderer Geschichte – Ende des Zweiten Weltkriegs fand in Demmin der größte Massensuizid der deutschen Geschichte statt. Für Larry ist ihre Heimatstadt aber vor allem eins: langweilig. Sie will so schnell wie möglich raus in die Welt und Kriegsreporterin werden. Während Larry mit den Unzumutbarkeiten des Erwachsenwerdens kämpft, steht einer alten Frau der Umzug ins Seniorenheim bevor. Beim Aussortieren ihres Hausstands erinnert sie sich an das Kriegsende in Demmin und trifft eine folgenschwere Entscheidung. (Inhaltsangabe © Hanser Verlag)

Tatsächlich wollte ich dieses Buch lesen, sobald  ich das erste Mal davon hörte. Demmin ist eine Kleinstadt in Vorpommern, in der sich beim Einmarsch der Roten Armee schreckliche Gewalttaten ereigneten. Die Einwohner konnten nicht fliehen, da die Brücken in Richtung Westen von den Deutschen beim Abzug gesprengt wurden. Das führte zum größten Massensuizid in der deutschen Kriegsgeschichte. Zum ersten Mal hörte ich von diesem Teil der deutschen Geschichte als ich “Kind, verspricht mir, dass du dich erschießt” von Florian Huber las. Ich war erschüttert. Bis dahin hatte ich noch nie von Massenselbstmorden am Ende des Zweiten Weltkrieges gehört. Nun also wieder Demmin und natürlich geht es auch um die Geschehnisse im Mai 1945. Weil sie Teil der Stadt sind und weil sie bis heute nachwirken.

Larissa, die nur Larry genannt werden will, findet es ziemlich trist und öde in ihrer Heimatstadt Demmin. Deshalb will sie hier unbedingt raus, am liebsten als Kriegsreporterin und dafür übt sie schon mal. Sie schaut, wie lange sie es aushält, kopfüber zu hängen oder die Hand in eisiges Wasser zu tauchen. Sie würde auch wahnsinnig gern wissen, wie es ist zu ertrinken und ob man Waterbaording aushalten kann, wenn man es quasi nur als Experiment macht. Über das Ertrinken macht sich in Demmin allerdings nicht nur Larry Gedanken, denn als 1945 die Russen in die kleine Stadt zwischen den Flüssen einrückten, gingen Hunderte Menschen ins Wasser. Frauen, meist alte Männer, Kinder – aufgelistet in einem Wareneingangsbuch, das noch immer auf dem Friedhof verwahrt wird.

Auch die alte Frau Dohlberg, die gegenüber von Larry wohnt, denkt oft an diese Tage zurück. Eigentlich hätte auch sie in der Peene liegen müssen. Als sie nun ihre Sachen packt, um ins Altenpflegeheim zu ziehen, kommen die Erinnerungen wieder hoch.

Ich würde “Die Gespenster von Demmin” am ehesten als Entwicklungsroman oder Coming-of-Age bezeichnen. Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Es geht in erster Linie um Larry, die damit zu kämpfen hat, dass die Eltern getrennt sind und die Mutter immer wieder versucht, einen neuen Partner zu finden. Larry, die befürchtet, dass sich die Jungs zwischen sie und ihre beste Freundin Sarina drängen könnten, weil auch zwischen ihnen etwas anders wird.

Der Massensuizid am Ende des Zweiten Weltkrieges hängt dabei wie dunstiger Nebel über Larrys Leben. Auf dem Friedhof, wo sie gegen ein Taschengeld aushilft, kommt sie manchmal ins Grübeln. Irgendwie kennt auch jeder jemanden, der damals ins Wasser ging oder sich an einem Baum erhängt hat, doch es wird nicht darüber gesprochen. Welchen Einfluss diese Sprachlosigkeit auch auf das Leben der späteren Generationen hat, wird ein wenig angedeutet, wenn es um die alte Frau Dohlberg geht. Mit dieser wiederum hat Larry eigentlich gar nichts zu tun. Es gibt nur einige lose Bezüge, so dass die beiden Handlungsstränge nebeneinander herlaufen.

Verena Keßler erzählt sehr dicht und mit ausdrucksvollen Bildern. Überflüssiges wird weggelassen und die Lücken aus Ungesagtem kann man problemlos als Leserin füllen. So viel steckt zwischen den Zeilen, dass am Ende mehr erzählt wird, als in dem dünnen Büchlein geschrieben steht.

Auch wenn “Die Gespenster von Demmin” anders als erwartet war, so hat mich das Buch doch sehr berührt.

© Tintenhain


Leseprobe


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Einzelband
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Hanser Verlag (17. August 2020)
ISBN-10: 3446267840
ISBN-13: 978-3-446-26784-8
Preis: € 22,00 [D]
Bücherei
Cover Verena Keßler: Die Gespenster von Demmin
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