Andreas Eschbach: NSA – Nationales Sicherheits-Amt [Rezension]

Cover NSA Eschbach
Cover © Bastei Lübbe

Weimar 1942: Die Programmiererin Helene arbeitet im Nationalen Sicherheits-Amt und entwickelt dort Programme, mit deren Hilfe alle Bürger des Reichs überwacht werden. Erst als die Liebe ihres Lebens Fahnenflucht begeht und untertauchen muss, regen sich Zweifel in ihr. Mit ihren Versuchen, ihm zu helfen, gerät sie nicht nur in Konflikt mit dem Regime, sondern wird auch in die Machtspiele ihres Vorgesetzten Lettke verwickelt, der die perfekte Überwachungstechnik des Staates für ganz eigene Zwecke benutzt und dabei zunehmend jede Grenze überschreitet…
Was wäre, wenn es im Dritten Reich schon Computer gegeben hätte, das Internet, E-Mails, Mobiltelefone und soziale Medien – und deren totale Überwachung? (Klappentext © Bastei Lübbe)

Andreas Eschbach spielt in seinem neuen Roman „NSA – Nationales Sicherheits-Amt“ mit einem Szenario, das an Schrecken kaum zu überbieten ist. Dafür verknüpft er historische Fakten der deutschen Geschichte von 1933 bis 1945 mit der Technologie des Internets und Mobiltelefones unserer Zeit. Die totale Überwachung ist nun möglich. Niemand kann sich mehr verstecken und dem Zugriff von SS und Wehrmacht entziehen.

In Amsterdam werden über die Datenabfragen und- verknüpfungen des Nationalen Sicherheits-Amts (NSA) Juden wie die Familie von Anne Frank aufgespürt. Die richtigen Ideen hat dafür die unscheinbare Programmiererin Helene Bodenkamp, die viel zu spät erst merkt, was sie mit ihren herausragenden Programmierkenntnissen anrichtet.
Ihr Vorgesetzter, der Analyst Eugen Lettke verfolgt mit den Kenntnissen, die er aus den Datenabfragen ziehen kann, seine persönlichen Interessen. Als sich ihm die Gelegenheit bietet, verwickelt er Helene in seine Machenschaften. Diese hat keine andere Wahl, wenn sie verhindern will, dass ihr Geliebter, der von der Front desertiert ist, auffliegt und exekutiert wird.

Mit Helene Bodenkamp und Eugen Lettke zeichnet Eschbach zwei Protagonisten, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Lettke ist ein schmieriger, aufgeblasener Sadist, der unter der Fuchtel seiner Mutter steht und seine Machtfantasien mit perfiden Erpressungen auslebt. Helene ist etwas verhuscht, hochintelligent und weiß ziemlich genau, was sie will. Vor allem niemals in die Fußstapfen ihres als Chirurg erfolgreich tätigen Vaters treten. Beide sind im Nationalsozialismus verankert. Helenes Vater hat sich als Rassenforscher sogar mit dem Ariertest einen Namen gemacht. Doch wo Helene immer wieder Zweifel bekommt, ist Lettke von seiner arischen Abstammung überzeugt.

Besonders beeindruckend ist allerdings, wie erschreckend einfach es ist, die Entwicklung und Nutzung der technischen Möglichkeiten des NSA auf unsere heutige Gesellschaft zu übertragen. Bereits in „NOW – Du entscheidest, wer überlebt“ [Rezension] werden Möglichkeiten von Datensammelwut (Big Data) und der Verknüpfung mit künstlicher Intelligenz zu Ende gedacht. Die meisten Daten geben wir als Nutzer freiwillig mittels Smartphone-Apps, Sportarmbändern und in den sozialen Medien. Andere werden generell erfasst. So werden bei uns zum Beispiel demnächst elektronische Stromzähler eingebaut, welche die Verbrauchsdaten automatisch übermitteln. Problematisch sind die Daten auf den ersten Blick nicht. Was aber, wenn damit Abfragen gemacht werden, mit denen keiner gerechnet hat? Was aber, wenn automatisierte Programme über die Daten laufen und die falschen Schlüsse ziehen? Wer entscheidet dann noch? Muss man noch entscheiden oder nimmt man Kollateralschäden dann einfach in Kauf?

Verknüpft mit der Ideologie des Dritten Reiches und mit Fanatismus bekommen diese Gedanken noch einmal eine ganz neue Dimension. Eschbach bedient sich hier historischer Ereignisse und Personen und fügt sie in seine Dystopie ein. (Ja, ich nenne es Dystopie, auch wenn die Ereignisse des Romans in der Vergangenheit angesiedelt sind. Wer sagt, dass sie so nicht wiederkehren können?) Manche Ereignisse werden angepasst, wobei mir bis zum Schluss nicht einleuchtend war, warum der Erste Weltkrieg 1917 geendet hat. Das NSA kämpft fortwährend darum, nicht dem Reichssicherheits-Hauptamt einverleibt zu werden. Es gibt Personen, die aktiv die Politik Hitlers vorantreiben, Mitläufer wie Lettke, der das System zu seinem Vorteil zu nutzen versteht, aber auch einige wenige Widerständler. So sind die meisten Figuren auch unsympathisch bis unausstehlich. Vor allem der einflussreiche Ludolf von Argensleben und Eugen Lettke waren mir zutiefst zuwider.

Beeindruckend fand ich wieder einmal, wie einfach und verständlich Andreas Eschbach wissenschaftliche Theorien und Zusammenhänge erklären kann. Bei ihm versteht man plötzlich Dinge, die bis dahin ein Buch mit sieben Siegeln gewesen sind. Auch wenn man keine Programmierkenntnisse hat, wird deutlich, wie die Abfragen funktionieren und die Programme gestrickt werden.

Ja, die Programme werden gestrickt – von Programmstrickerinnen wie Helene Bodenkamp. Eschbach führt für seinen Roman Begriffe ein, wie sie durchaus sich hätten entwickeln können, wäre Deutsch die wissenschaftliche Sprache für die Informatik. Auf den ersten Blick erscheinen die Begriffe ungewöhnlich, aber es ist immer sofort klar, worum es geht. Gefallen hat mir auch, dass Eschbach die Rolle von Frauen als erste Programmierinnen einbezieht. Programmieren war früher Frauensache, auch wenn die Argumentation im Roman dafür etwas seltsam anmutet. Es wird dabei auch Bezug auf historische Persönlichkeiten wie Ada Lovelace genommen, was ich sehr spannend fand.

„NSA – Nationales Sicherheits-Amt“ hat mich sehr beeindruckt, auch wenn ich das Buch aus Abscheu vor Lettke am liebsten manchmal in die Ecke geschmissen hätte. Das Gedankenexperiment gelingt und der Roman konnte mich auch sprachlich überzeugen. Eschbach geht in seinen Konsequenzen sehr weit und bleibt dabei erschreckend realistisch, so dass das Ende kaum zu ertragen ist.

© Tintenhain


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Einzelband
Gebundene Ausgabe: 800 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe (28. September 2018)
ISBN-10: 3785726252
ISBN-13: 978-3785726259
Altersempfehlung: ab 16 Jahren
Preis: € 22,90 [D]
Rezensionsexemplar
Cover NSA Eschbach
Cover © Bastei Lübbe

10 Kommentare

    1. Es ist auf jeden Fall einer Diskussion würdig – ich finde die Verbindungen zu unserer Zeit erschreckend realistisch. Rasterfahndungen hat Eschbach ja nun auch nicht gerade eben erfunden. :-/

  1. Hi Mona,

    ich fand das Buch auch wieder mal grandios! Ich finde ja eh, dass er seine Ideen immer genial umsetzt, vor allem wie er sie im Bezug zur Realität setzt. Bei ihm versteht man wirklich alles immer sehr gut!
    Vor allem das Thema Überwachung auch aus Sicht der heutigen Zeit ist sehr brisant, da wird einem schon ganz anders wenn man überlegt, welche Daten von uns sich da schon lange irgendwo ansammeln …

    Meine Rezension dazu kommt übrigens morgen 😉

    Liebste Grüße, Aleshanee

    1. Ich bin gespannt auf deine Rezension!
      Ich finde es immer wieder grandios, wie gut Eschbach erklären kann. Was hatte ich bei „Der Jesus-Deal“ für Aha-Momente, wenn es um Quantenphysik und Zeitreisetheorien ging! Hast du verstanden, was das mit 1917 als Ende des 1. Weltkrieges bedeuten sollte? Das hat mich anschließend immer zweifeln lassen, ob die anderen Ereignisse stimmen.

      1. Oh ja, deshalb mag ich seine Bücher so gerne, weil man das wirklich versteht was er da schreibt – ohne dass er sich in Fremdwörter flüchtet oder unendlich lange erklären muss 😀

        Hm, 1917? Stimmt das nicht? 1918 oder? Da hab ich ehrlich gesagt gar nicht so drüber nachgedacht … er ist ja schon jemand, der immer sehr gut recherchiert. Solche Zahlen überlese ich beim Lesen immer gerne ^^

  2. Hey 🙂

    Mir scheint, wir hatten da wohl zeitweise sehr ähnliche Eindrücke von dem Buch :). Meine Rezi kommt dann nächste Woche – aber ich denke, ich kann jetzt schon verraten, dass es das Prädikat „Highlight“ (das ich wirklich ultraselten vergebe) bekommen wird :)).

    Liebe Grüße
    Ascari

    1. Na, dann bin ich mal gespannt, an welchen Stellen wir uns einig sind. 😀
      Das ist auch ein richtig gutes Buch zum Diskutieren, am besten schleppe ich es demnächst mit zum Bücherstammtisch. Ich freu mich auf deine Rezi.

  3. Hey,
    ich hab das Buch tatsächlich auch gelesen. Und bin in meiner Rezi zu einem ganz ähnlichen Fazit gekommen: wie erschreckend einfach scheint es, den zweiten Weltkrieg in nahezu die Verhältnisse unserer Zeit zu setzen? Ich kann mich nur wiederholen: ich glaube, dass man allein durch diesen Umstand leichter die Ausmaße der damaligen Verbrechen versteht. Denn, wer erinnert sich denn heute noch an diese Zeit? Wer lebt denn überhaupt noch, von den Überlebenden? Gerade da die Erinnerung ausstirbt ist es gut, dass Eschbach sie auffrischt.
    Danke für deine Rezension!

  4. Hey Mona,
    ja, den Lettke. Wirklich ekliger Typ… Und dennoch trägt auch dieser Kontrast der beiden Hauptpersonen dazu bei, dass das Ende erst recht verstörend wirkt. Bei ihm musste ich auch so manches Mal eine kleine Pause einlegen, bevor ich weitergelesen habe.
    Ich habe dich bei meiner Rezension verlinkt. Ich weiß noch nicht, ob ich soe gleich schon online stelle oder erst morgen.

    LG, Moni

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