Graham Norton: Ein irischer Dorfpolizist [Rezension]

Cover (c) Rowohlt

Sergeant PJ Collins ist nicht dick, er ist fett. PJ gerät schnell ins Schwitzen und schnell aus der Puste, er hat in dem verschlafenen Kaff Duneen aber zum Glück auch nicht viel zu tun.
Das ändert sich, als bei Schachtarbeiten menschliche Überreste gefunden werden. Im Dorf ahnen alle gleich, wessen Knochen das sein müssen: Tommy Burke, verschwunden vor zwanzig Jahren, genau an dem Tag, an dem sich seine Verlobte und seine Geliebte auf dem Marktplatz prügelten. PJ geht daran, die Frauen zu befragen – beide immer noch unglücklich und ungeliebt. Und begeht dabei einige schwer verzeihliche Fehler. Der aus Cork angereiste Kriminalkommissar hält den Dorfsheriff sowieso für eine Niete. Doch er irrt sich. (Klappentext)

Der Roman um den Irischen Dorfpolizisten PJ Collins beginnt so beschaulich wie das kleine Dorf Duneen auch selbst ist. In Duneen liegt der Hund begraben und als Dorfpolizist hat PJ kaum mehr zu tun als Strafzettel zu verteilen und seinen beachtlichen Leibesumfang zu hegen. Hier kennt jeder jeden und natürlich wird auch genau geguckt, was die Nachbarn machen. Wie viele leere Weinflaschen hat Brid Riordan wohl heute zum Container gebracht? Was treiben die drei alten Jungfern drüben auf Ard Carraig? Und hat Sergeant Collins auch sein Sandwich aufgegessen?
Als bei Bauarbeiten menschliche Knochen gefunden werden, kommt Leben in das verschlafene Dorf. Alle erinnern sich noch daran, wie Tommy Burke plötzlich vor zwanzig Jahren verschwand und sich damals zwei Frauen öffentlich um ihn prügelten. Die Vergangenheit wird wieder lebendig und fördert mehr zutage als nur ein paar alte Knochen.

Mit dem Dorfpolizisten PJ Collins ist Graham Norton eine nicht nur beeindruckend voluminöse, sondern auch sympathische und gleichzeitig bemitleidenswerte Figur gelungen. Man hört geradezu seinen vor Anstrengung schnaufenden Atem, sobald er sich bewegen muss, und das Rascheln der aneinanderreibenden Kleidung. PJ leidet darunter und kann sich dennoch der Freude am guten Essen nicht erwehren. Ist so ein Fettpolster nicht auch ein guter Schutz vor Verletzungen von außen? Mit dem Fund der verblichenen Knochen kommt auch Bewegung und Veränderung in PJs Leben. Der Dorfpolizist hat zum ersten Mal so richtig was zu tun und begeht dabei so menschliche Fehler, die vielleicht unprofessionell aber so sehr nachvollziehbar sind, dass man hofft, dass niemand dahinter kommt.
Während der aus Cork eigens abberufene Detective Superintendent Linus Dunne auf übliche Art und Weise seine Ermittlungen führt, ergreift PJ die Gelegenheit als „Einheimischer“ die Dorfbevölkerung zu befragen. Schnell ringt er dem Schnösel aus der Stadt Respekt ab und zeigt ihm, was in dem „Sumo“ alles steckt.

„Ein irischer Dorfpolizist“ ist ein charmanter Roman, der eher durch seine wohl gesetzte Sprache als durch Spannung und Nervenkitzel punktet. Er ist sprachlich ein außerordentliches Vergnügen, bleibt aber passend zum Dorf eher gemächlich. Es brodelt leicht unter der Oberfläche und auch wenn man vor Spannung nicht gleicht platzt, so wird es andererseits auch nicht langweilig. Für ein kleines Dorf, in dem jeder jeden kennt, kommt der Roman mit erstaunlich wenig Figuren aus. Diese sind wiederum gut gezeichnet und authentisch. Schnell findet sich der Leser als Teil einer eingeschworenen Gemeinschaft wieder.

Trotz einer kleinen Überraschung ist der Roman relativ vorhersehbar und die Lösung des Kriminalfalls kein großer Paukenschlag. Ein großes Rätselraten oder Mitfiebern bleibt aus. Hier ist eher der Weg das Ziel und ich finde, dieser ist durchaus gelungen. Wer einen ruhig erzählten Roman, bei dem es eher um ein Familiendrama als um einen Krimi geht, zu schätzen weiß, ist mit Graham Nortons Romandebüt gut beraten. Graham Norton ist in seiner irischen Heimat vor allem als Schauspieler, Comedian und Fernsehmoderator bekannt.

© Tintenhain

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Graham Norton: Ein irischer Dorfpolizist

Einzelband
Gebundene Ausgabe:
336 Seiten
Verlag: Kindler; Auflage: 1 (18. August 2017)
Originaltitel: Holding
Übersetzung aus dem Irischen: Karolina Fell
ISBN-10: 346340690X
ISBN-13: 978-3463406909
Preis: € 19,95 [D]
Rezensionsexemplar

Cover (c) Rowohlt

 

16 Kommentare

  1. Schau mal bei YouTube nach der Graham Norton Show. Der ist super lustig und symphatisch. Der hat die ganz großen Stars auf seinem roten Sofa, schenkt denen nach, bis wirklich alle total beschwipst sind und eine schlüpfrige Geschichte nach der anderen raushauen.
    Ich glaub, ich schreib mal nach meinem Urlaub einen Liebesbrief an den Kindler Vertreter. 😉 Danke für den Tipp! :*

    1. Den Liebesbrief kannst Du ja dann auf dem Blog veröffentlichen! Den würde ich gern lesen. 😀 Ich gucke mir auf jeden Fall nachher mal genauer an, warum hier jeder Graham Norton kennt und liebt.

  2. Ich mag Graham Norton sehr gerne und seine Show bietet so viele tolle und witzige Momente mit echten Größen der Unterhaltungsbranche wie keine andere. Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob sein Buch etwas für mich ist. Krimis sind ja eher nicht so mein Genre.

      1. Wenn du SchauspielerInnen und MusikerInnen gerne mal von ihrer witzigen und nicht ganz so professionellen Art erleben möchtest, würde ich auf jeden Fall mal bei Youtube schauen. Ich amüsiere mich immer königlich, vor allem über Graham Norton. Der ist so schlagfertig.

  3. Obwohl Krimis eher nicht so meins sind, werde ich bei meinem nächsten Besuch in der Buchhandlung definitiv mal in das Buch reinschnuppern. Was du über den Schreibstil und PJ Collins berichtest, klingt wirklich vielversprechend.

    Liebe Grüße
    Anna

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