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Yulia Marfutova: Der Himmel vor hundert Jahren [Rezension]

Cover Yulia Marfutova Der Himmel vor hundert Jahren
Cover © Rowohlt Verlag

Ein russisches Dorf um das Jahr 1918. Die Revolution hat bereits stattgefunden, der Bürgerkrieg ist in vollem Gange, aber die Bewohner haben von den historischen Ereignissen noch nichts erfahren. Das untergehende Zarenreich ist groß, die Informationen fließen langsam.
Doch selbst an einem Ort wie diesem steht die Zeit nicht still: Der Dorfälteste Ilja, zum Beispiel, trifft seine Wettervorhersagen neuerdings mit Hilfe eines gläsernen Röhrchens, das er hütet wie seinen Augapfel. Der alte Pjotr dagegen belauscht lieber den nahegelegenen Fluss und dessen Geister. Aber noch scheinen die Fronten beweglich.
Nun ist ausgerechnet Iljas Frau, Inna Nikolajewna, so abergläubisch wie Pjotr. Als ihr ein Messer herunterfällt, taucht ein Fremder im Dorf auf. Der viel zu junge Mann trägt keine Stiefel, aber eine fadenscheinige Offiziersuniform, und wenn er muss, erzählt er jedem eine andere Geschichte. Man beäugt ihn, bedrängt ihn, bald nicht mehr nur mit Fragen – und doch kommt nicht einmal die junge Annuschka dahinter, weshalb er ins Dorf gekommen ist. Und vor allem: warum er bleibt … (Inhaltsangabe © Rowohlt)

Der Wind der Veränderung weht durch das kleine Dorf am großen Fluss irgendwo in Russland irgendwann nach der Großen Oktoberrevolution. Während die Dorfältesten Ilja und Pjotr noch um ihre Anhängerschaft ringen, ob das Wetter nun besser mittels eines kleinen, geheimnisvollen Röhrchens oder doch besser durch das Befragen des Flusses vorhergesagt werden kann, weiß Inna Nikolajewna ganz genau, dass ein Mann ins Dorf kommen wird. Ganz klar, schließlich ist ihr ein Messer heruntergefallen. Und  tatsächlich taucht kurz darauf ein junger Soldat in abgerissener Uniform auf. Der Krieg ist zu Ende, man hat schon davon gehört, aber die jungen Männer des Dorfes sind nicht zurückgekehrt. Nun ist Wadik da. Keiner weiß, woher er kommt. Da muss man ja misstrauisch sein.  Er redet von Ideen, von der Zukunft und vor allem das Mädchen Annuschka hört ihm gern zu. Doch dann kehrt Pjotr vom Fluss nicht zurück und die Realität in Form von Kostja und Mitja hält Einzug in das Dorf.

“Der Himmel vor hundert Jahren” ist schon ein besonderes Buch, vor allem sprachlich. Es ist kein Roman, den man überfliegen kann. Die Worte ziehen einen in den Bann und man darf auch keines davon verpassen. Auch nicht die wohlgesetzten Wiederholungen, die manchmal fast schon mantraartig anmuten, manchmal wie Beschwörungsformeln. Es ist ein wenig so, als würde man durch die Gedanken der Autorin Yulia Marfutova galoppieren, ohne genau zu wissen, wohin eigentlich. Vieles bleibt ungesagt, die Lücken muss man selbst füllen, sich etwas zusammenreimen, so wie es auch die Dorfbewohner machen müssen. Sie versuchen, die neuen Dinge einzuordnen. So hat es ein paar Seiten gebraucht, bis ich verstanden hatte, dass das magische Röhrchen, das von Ilja so leidenschaftlich untersucht wird, um ein Thermometer oder Barometer handeln muss. Auch den Zeitpunkt und den Ort der Handlung muss man sich zusammenreimen. Die Hinweise werden gestreut, man muss sie nur beachten. So liegt das Dorf vermutlich an der Wolga oder einem Nebenfluss, denn nicht weit entfernt hat ein Iwan Petrowitsch etwas über den Speichelfluss bei Hunden (Pawlowscher Reflex) herausgefunden.

Yulia Marfutova fordert ihre Leser mit ihrem ersten Roman und lässt sie nicht von der Angel. Sie erzählt mal salopp, mal poetisch, immer hastig und sie nimmt sich dennoch Zeit, genug Worte zu finden, um lebendige Bilder entstehen zu lassen. Manchmal fühlte ich mich an russische Märchen erinnert, vielleicht durch die Beschreibungen, vielleicht von den dreimaligen Wiederholungen oder schlicht und ergreifend den Anspielungen an Volksmärchen. Die Personen sind liebevoll und doch distanziert skizziert. Man ist dabei, mitten unter ihnen. Trotz aller Faszination durch die Sprache und die rückständig erscheinende Welt, irgendwo, wo man die Menschen vergessen hat, fehlte mir ein wenig das Ziel. Es war, wie es war und am Ende war es immer noch. Oder doch anders? Ein wenig wie Erzählen, um des Erzählen willens, die Geschichte selbst zu wenig greifbar.

“Der Himmel vor hundert Jahren” ist ein faszinierendes Buch mit vielen Facetten und ich kann  mir gut vorstellen, dass man bei jedem Lesen etwas Neues entdecken und einordnen kann. Ich denke, das Buch ist zu Recht für den Deutschen Buchpreis (Longlist) nominiert, auch wenn ich mit derlei Preisen nur wenig anfangen kann.

© Tintenhain


Leseprobe

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Einzelband
Hardcover: 192 Seiten
Verlag: Rowohlt (23. März 2021)
ISBN-10: 3498001892
ISBN-13: ‎ 978-3498001896
Preis: € 22,00 [D]
Bücherei
Cover Yulia Marfutova Der Himmel vor hundert Jahren
Cover © Rowohlt Verlag

4 Kommentare

  1. Hallo liebe Mona,

    hm, ein Buch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises mit nur 192 Seite wie kommt das ?
    Eigentlich zumindest was die Seitenanzahl angeht genau mein Fall, leider der Preis weniger, aber es gibt ja die Bücherei……mal schauen, ob ich es da erwische……

    Danke für die Vorstellung …LG…Karin..

  2. Hallo Mona,
    danke für die Vorstellung. Die Geschichte gefällt mir, endlich mal ein neuer Name
    bei den „Nominierten“.
    LG Hans

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