Alice Frontzek: Blaues Gold [Rezension]

Cover © Sutton Verlag

Der 30-jährige Krieg bedroht den Erfurter Waidhandel. Nur Florian und Caterina Seber erweisen sich als geschickte Händler des traditionsreichen Blaufärbemittels – zum Neid der Zunftbrüder. Dann kehrt Florian von einer Handelsreise nicht zurück und Caterina steht vor der schwierigen Aufgabe, den Handel gegen den Widerstand der Zunft weiterzuführen. Sie muss sich über die Waidordnung hinwegzusetzen, egal, welche Konsequenzen das für sie haben wird. (Klappentext © SuttonVerlag)

Der Waidhändler Florian Seber entstammt einer angesehenen und altansässigen Waidhändlerfamilie Erfurts. Seiner Heirat mit der schönen, italienischen Händlertochter Caterina wird jedoch von den anderen Händlern der Zunft mit Misstrauen begegnet. Vor allem deren Ehefrauen beäugen die junge geschäftstüchtige Frau mit Argwohn, denn die lebensfrohe, attraktive Caterina zieht nicht nur die Kunden auf dem Markt, sondern auch die Waidhändler ihren Bann. Als Florian bei einer seiner Reisen ums Leben kommt, ist Caterina mit ihrem Kind auf sich gestellt. Mit gutem Geschäftssinn und neuen Ideen versucht sie, das Geschäft am Leben zu halten. Kein leichtes Unterfangen während des 30jährigen Krieges, der dem Waidhandel zunehmend zusetzt und den Mitgliedern der Zunft Einbußen bereitet.

Als Stadtführerin in Erfurt kennt Alice Frontzek sich gut in der Geschichte Erfurts und des Waidhandels aus. So liest sich der historische Roman aus der Zeit um 1630 gerade zu Beginn wie ein in Prosa gebetteter Stadtführer, denn viele historische Gebäude und Straßen Erfurts werden bereits auf den ersten Seiten vorgestellt und zuweilen regelrecht aneinander gereiht. So stammen die Händler der Zunft aus den Häusern „Haus zum Roten Ochsen“, dem „Haus zum Sonneborn“, dem „Haus zum Güldenen Kronbacken“ usw. – allesamt Häuser, die von früheren Waidjunkern erbaut wurden und die in „Blaues Gold“ nicht nur genannt werden, sondern auch einen Anteil an der Geschichte erhalten. Erfurtkenner können sich also die Schauplätze bildhaft vorstellen und die Geschichte der Gebäude und Straßen wird lebendig gemacht.

Die Italienerin Caterina ist eine ungewöhnliche Frau für ihre Zeit. In einer männlich dominierten, mittelalterlichen Geschäftswelt versucht sie, auf sich gestellt, das Unternehmen ihres Mannes am Leben zu halten. Als Witwe wird sie von einigen Männern für Freiwild gehalten, andere sehen in ihr und dem florierenden Waidgeschäft eine begehrenswerte Partie. Eigentlich ist es undenkbar, dass sie sich als Frau behaupten kann. Mit ihrem exotischen Äußeren und ihrer Experimentierfreudigkeit in der Farbherstellung fällt sie auf und polarisiert. Die Frauen ihrer Umgebung empfinden sie vorrangig als Konkurrentin. Die Rufe nach Zauberei und Hexenwerk sind bald nicht mehr zu überhören.

Alice Frontzek hat mit Caterina eine besonders schillernde Figur geschaffen, die sich vor allem von den Erfurter Händlerfrauen abhebt. Die anderen Waidhändler sind mit hässlichen, einheimischen Frauen gestraft, die lediglich aus familiären und wirtschaftlichen Gründen geheiratet wurden, boshaft und neidisch sind. Florian Seber hingegen hat eine wunderschöne, intelligente, bezaubernde Frau aus wohl situiertem Hause geheiratet, die innerhalb kürzester Zeit perfekt Deutsch gelernt hat und in einer fremden Kultur allein „ihren Mann“ stehen kann. Wirklich nahbar und sympathisch hat das die junge Frau, die von einer Intrige in die nächste gerät, nicht gemacht. Auch die anderen Figuren haben bei mir einen eher überzeichneten, schwarz-weiß-malerischen Eindruck hinterlassen.

Als Erfurterin hat es mir besonders viel Spaß gemacht, in die Geschichte des Waidhandels einzutauchen und dabei durch die Straßen und Gassen des mittelalterlichen Erfurt zu wandeln. Alice Frontzek webt hier immer wieder historische Ereignisse ein, die auch heute noch ihre Spuren in der Stadt hinterlassen haben. So mancher kennt sicher die runden Löcher neben den Torbögen der alten Häuser und weiß vielleicht auch, dass ein Bündel Stroh darin darauf hinwies, dass es frisch gebrautes Bier auszuschenken gab. Doch dass der Bierausschank auch dazu diente, Urin für die Waidverarbeitung zu gewinnen, mag manchem ein neues Detail sein.

„Blaues Gold“ ist ein unterhaltsamer, historischer Roman, der sprachlich insbesondere zu Beginn eher an einen Aufsatz erinnert, in dem möglichst viele Details und historisch verbriefte Ereignisse und Gegebenheiten untergebracht werden müssen. Später nimmt die Handlung zunehmend gefangen und der leicht zu lesende Roman vermag es, seine Leser in seinen Bann zu schlagen. Erfurtlieberhaber*innen kommen bei diesem ausgezeichnet recherchierten Roman voll auf ihre Kosten. Die Geschichte an sich vermochte mich nicht besonders überzeugen.

© Tintenhain


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Einzelband
Broschiert: 200 Seiten
Verlag:
Sutton Verlag GmbH (28. November 2016)
ISBN-10:
3954006057
ISBN-13:
978-3954006052
Preis: € 12,99 [D]
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Cover Blaues Gold
Cover © Sutton Verlag

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