Jessi Kirby: Offline ist es nass, wenn’s regnet [Rezension]

Cover Jessi Kirby Offlien wird es nass wenn es regnet
Cover © Loewe Verlag

Stell dir vor, du öffnest an deinem 18. Geburtstag die Haustür und dort liegt ein Geschenk: ein riesiger Wanderrucksack, ein Paar Wanderschuhe und ein Trailtagebuch für den Yosemite Nationalpark. Würdest du loslaufen?
Mari entscheidet sich genau dafür, obwohl sie noch nie mehr als zehn Schritte zu Fuß getan hat. Von heute auf morgen tauscht sie Smartphone und Social Media gegen schneebedeckte Berge, reißende Flüsse und Blasen an den Füßen, aber auch gegen Sonnenaufgänge wie aus dem Bilderbuch, warmherzige Begegnungen und mutige Entscheidungen – denn der Yosemite verändert jeden. (Inhaltsangabe © Loewe Verlag)

Nur noch kurz die Mails checken! Bei Mari dreht sich alles rund um Instagram, Youtube, Twitter und Co.  Sie ist immer auf der Jagd nach einem tollen Motiv. Firmen stehen für Kooperationen bei der angesagten Influencerin Schlange. Mit dem Ian, der online ihren Freund mimt, hat sie nicht mehr gemeinsam, als die Jagd nach den meisten Klicks.

An Maris 18. Geburtstag sieht auf ihrem Insta-Kanal alles aus wie immer. Ein liebevoll arrangiertes Bild vom gesunden Frühstück, ein bisschen Yoga im neuen Outfit, ein kleines Shooting mit Ian, um die Likes hochzutreiben. Doch was niemand weiß: Mari verbringt ihren Geburtstag ganz allein. Sie erinnert sich daran, wie sie und ihre Cousine Bri einander versprochen haben, mit 18 einen Hike durch den Yoshemite National Park zu machen. Doch Bri ist nicht mehr da. Als am nächsten Morgen Bris fertig gepackter Rucksack vor Maris Tür steht, weiß sie, dass sie etwas ändern muss. Es startet mit einem Video, mit dem Mari ihr gefaktes Online-Leben beendet und sie sich den gepackten Rucksack schnappt, um endlich zu erfahren, was das Leben wirklich für sie bereit hält.

Schnelles Foto für Instagram
Schnelles Foto für Instagram

„Offline ist es nass, wenn’s regnet“ lag gestern in meinem Briefkasten, zusammen mit der Aufforderung an einer Digital-Detox-Challenge teilzunehmen. Ich finde es witzig, dass man aufgefordert wird, mehr offline zu sein, um dann mit einem Hashtag versehen seine Erfahrungen teilend, an einer Social Media Kampagne teilzunehmen. Die Idee, einfach mal eine Zeitlang offline zu sein und Neues zu entdecken, ist mir mit zwei Teenager-Mädchen nicht neu. Vielmehr ist es Thema zu jedem Ferienbeginn und wir sind uns da eigentlich immer recht einig.

Das Buch habe ich gleich angelesen und dann an einem Abend beendet – natürlich nicht, ohne vorher noch ein Bild davon zu posten. So habe ich mich in manchem Punkt sehr gut in Mari einfühlen können. Der unwillkürliche Gedanke, etwas zu fotografieren, weil man es dann posten könnte oder das Checken der Aufrufe nach einem Posting in den Social Media… So ganz leicht fällt es Mari nämlich dann doch nicht, ihr altes Leben abzulegen und Jessi Kirby gelingt es, dies spielend einzufangen.

Yosemite Valley, California, USA Jon Sullivan (2004)
Yosemite Valley, California, USA
Jon Sullivan (2004)

Besonders gut gefallen haben mir die wundervollen Bilder durch die Sierra Nevada, ausgehend vom Yosemite National Park bis zum Mt. Whitney, die Kirby im Kopf entstehen lässt. So musste ich dann auch einige Punkte des John-Muir-Trails, den Mari anstelle ihrer Cousine Bri wandert, ergooglen, um sie mit eigenen Augen betrachten zu können. Für den ca. 344 km langen Trail ist immer nur eine begrenzte Anzahl von Wanderern zugelassen, so dass Mari sehr viel Zeit hat, über sich und Bri nachzudenken. Bri, die immer alles vom Leben wollte, die gern reiste und viele Menschen traf, die ihr Herz berührten. Anfangs ist es noch Bris Weg, den Mari mit dem schweren Rucksack und in Bris Wanderstiefeln geht. Zunehmend wird es ihr eigener.

Das Trackingbuch, das Bri angelegt und mit Sprüchen, Zitaten und wunderschönen Sketchnotes verziert hat, ist dabei Maris Begleiter. Ein wenig liest sich das Buch deshalb dann auch wie ein Ratgeber für Selbstfindung und ein Glückswegweiser. Mich hat es nicht sonderlich gestört, vielmehr dachte ich so manches Mal, dass es mich freuen würde, wenn meine Töchter das Buch lesen und die eine oder andere Sketchnote für sich entdecken würden.

John Muir Trail
Der John Muir Trail

Ein bisschen genervt war ich beim Lesen, als Mari auf eine Gruppe Jugendlicher trifft, von denen einer natürlich unglaublich süß ist. Ohne geht es scheinbar nicht, auch nicht auf dem Weg zu sich selbst. Ein bisschen Romantik muss halt mit rein und gerettet werden steht hoch im Kurs. Jessi Kirby schafft es dann aber, den Fokus nicht zu verlieren und gibt der Romanze nicht zu viel Raum. Im Vordergrund steht Mari, die Menschen begegnet, die sie nehmen wie sie ist. Ein Mädchen, das lernt, dass es immer wieder über sich hinaus wachsen kann, dass Rückschläge nicht das Ende der Welt bedeuten. Vor allem aber wie schön es ist, wahrhaftig und man selbst sein zu können.

Mir hat „Offline ist es nass, wenn’s regnet“ überraschend gut gefallen. Ich könnte mir vorstellen, dass Jugendliche sich hier inspirieren lassen könnten. Das Buch macht Lust auf Wandern und Outdoor-Erfahrung, von mir aus muss es aber nicht gleich der John-Muir-Trail in den USA sein.

© Tintenhain


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Leseprobe



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Einzelband
Taschenbuch: 336 Seiten
Verlag: Loewe (14. Januar 2019)
Originaltitel: The Other Side of Lost (2018)
Übersetzung aus dem Amerikanischen: Anne Brauner
Illustrationen: Imke Sönnichsen
ISBN-10: 3743203774
ISBN-13: 978-3743203778
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
Preis: € 14,95 [D]
Rezensionsexemplar
Cover Jessi Kirby Offlien wird es nass wenn es regnet
Cover © Loewe Verlag

24 Kommentare

  1. Ja, würde ich SOFORT machen. Ähnliches unternahm ich im April 2015, als ich mit Wanderrucksack und Wanderschuhen bestückt für 14 Tage auf dem Jakobsweg in Spanien war – ohne Vorplanung, einfach ins Blaue. Es waren die besten und schönsten 14 Tage meines Lebens.

      1. Ein Sprichwort besagt:“Der erste Schritt ist immer der Schwerste“. Und das stimmt. Wenn Du einmal losgelaufen bist gibt es nichts Schöneres. Ich habe nach den 2 Wochen fast ein bisschen getrauert, das es schon vorbei ist (obwohl ich körperlich total ausgelaugt war).

  2. Hallo Mona,

    das Buch hört sich auf seine Art richtig abenteuerlich und bezaubernd an. Ein bisschen mehr Zeit an der frischen Luft würde wohl den meisten gut tun. Da nehme ich mich nicht aus. Ev. kommt mir das Buch in die Finger, dann stecke ich bestimmt die Nase rein.

    Liebe Grüße,
    Nicole

  3. Eine wirklich tolle Rezension. Ich habe das Buch ebenfalls vom Verlag erhalten und es fast in einem Rutsch durchgelesen. Gestern habe ich es dann beendet und ich bin absolut begeistert.

    Was die Romanze angeht muss ich auch sagen, dass ich anfangs etwas skeptisch war, aber ich bin froh, dass die Romanze hier nur eine Nebenrolle spielt und – wie du auch sagst – die Autorin den Fokus nicht verloren hat. Das Ende war mir etwas zu abrupt, muss ich sagen, und ich fand es schade, dass Mari überhaupt keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter aufgenommen hat, was mir am Ende dann doch irgendwie als „Auflösung“ gefehlt hat. Aber dennoch hat mir das Buch unglaublich gefallen, es hat mich so sehr berührt, dass ich von Seite 1 bis zum Ende gefühlt komplett durchgeheult habe. Mir hat diese Geschichte unglaublich viel gegeben und ich werde das Buch ab jetzt wohl zu meinen Herzensbüchern zählen.

    Ganz liebe Grüße
    Ivy

    1. Zwei Gründe werden mich dazu bringen das Buch zu lesen. Das Eine ist, dass ich selber, wenn nicht gerade knielahm, wandere. Wenn auch eher Tagestouren in den Harz, Elm oder im urlaub habe ich im Sommer eine Mehrtagestour gestartet. Vielleicht hätte ich sie mit etwas weniger Planung mehr genossen. Das Andere…..ich will wissen was mit Bri ist…..
      Digital Detox ist auch so ein Thema ich nenne es eher meinen Digitaler Fußabdruck den ich versuche immer wieder klein zu kriegen.

      1. Ich hab deinen Artikel dazu gelesen, also zum Thema „Wie viel von mir will ich öffentlich sehen“. Gar nicht so einfach, besonders beim Bloggen.
        Ich geh auch gern wandern, allerdings sind es bisher immer eher Familienwanderungen, oft in Verbindung mit Geocaching. Eine richtige Tour habe ich noch nie gemacht. Vielleicht würde ich mit dem Harzer Hexenstieg beginnen.

  4. Hallo Mona!

    Einfach mal los zu gehen, übt einen immer größeren Reiz auf mich aus. Dabei ist es für mich bestimmt auch schwer auf dem Weg nicht alles festzuhalten 😀
    Jedoch habe ich von derartigen Wanderungen auch wahnsinnigen Respekt. Was so leicht und erholsam mit einem „zu sich selbst finden“ vermarktet wird, kann richtig hart werden. Vor allem für ungeübte Wanderer.

    Liebe Grüße
    Sabrina

    1. Hallo Sabrina,

      das wird in dem Buch auch ganz gut beschrieben, wie hart das vor allem auch körperlich sein kann. So ein Trip ist eben mehr als „ein bisschen Zeit mit sich selbst“ zu verbringen. Ich finde es einerseits reizvoll, kann mir aber auch vorstellen, dass ich doch lieber zu zweit losgehen würde. Im Grunde hat Mari Glück, dass ihr „einfach so losgehen“ von Bri sehr gut vorbereitet wurde. Sonst wäre sie nämlich verhungert. 😉

      Lieben Gruß,
      Mona

  5. Habe mir mal den us-amerikanischen Titel und das dortige Cover angeschaut um festzustellen, dass das deutsche Büchermarketing und ich einfach nicht (mehr) zusammenpassen. Denn die Story an sich finde ich sehr interessant, deshalb habe ich mir das Buch nun auf die Wunschliste gepackt 🙂

    1. Ganz ehrlich?! Ich hätte mir das Buch nicht gekauft und war auch bei der Vorstellung auf der Fankfurter Buchmesse nicht sonderlich interessiert. Das Kitschcover ist daran nicht ganz unschuldig. Aber ich bin froh, dass ich dann mal reingeblättert habe. Ich war sofort gefesselt. Als Cover hätte mir ein Bild mit den Wanderstiefeln gefallen, da Mari ihre Tour so dokumentiert und es ein wiederkehrendes Motiv ist.

      LG,
      Mona

  6. Dieses Buch! Als ich es vor einigen Wochen in den Vorschauen entdeckt hatte, musste es sofort auf meine Wunschliste. Dann bekamen jede Menge Blogger Überraschungspakete und gaben immer wieder kurze Updates zum Buch – mal total überschwänglich, mal sehr ernüchternd – und joa .. es hat mir die Lust auf das Buch leider ganz schön verhagelt. Es hatte ein bisschen was von einer Überdosis.
    Zwar finde ich nach wie vor, dass das Buch toll klingt und ziemlich sicher werde ich es auch irgendwann lesen, aber wohl erstmal etwas abwarten, bis ich es in Ruhe lesen kann, ohne an jeder Ecke darüber zu stolpern. Deine Rezension jedenfalls hat wieder Lust gemacht und ich freue mich schon, wenn ich selbst mit Mari Offline gehe.
    Ganz liebe Grüße,
    Maike

  7. Hallo Mona,
    interessantes Buch. Ich habe vor kurzem mitbekommen, dass Anna (Ink of Books) das Buch so gar nicht mochte, daher hätte ich jetzt nicht unbedingt dazu gegriffen. Wie du es beschreibst klingt es aber tatsächlich ganz interessant. Wobei es mir schon noch eher in die jugendliche Selbstfindungsphase zu passen scheint, für die ich mich dann langsam doch zu alt fühle.
    Ich werde wohl mal noch ein paar Rezensionen abwarten und dann entscheiden, ob ichs nun lese oder nicht 😉
    VG Jennifer

    1. Ja, es hat schon viel von Selbstfindung und „Weisheiten in Sketchnotes“. Ich kann verstehen, wenn man sich davon gegängelt fühlt. Da ich gerade zwei Teenager hier habe, konnte ich jedoch sehr mitgehen und hab mir dann ja sogar gewünscht, dass sie das Buch lesen mögen. Auch mochte ich den „Aufbruchcharakter“ – einfach mal machen und sein. Das geht auch mit Anfang 40 noch. 😉

  8. Hey!
    Mit dem Buch habe ich gestern gestartet und in einem Rutsch 90 Seiten verschlungen 🙂
    Es gefällt mir gut, ich bin sehr gespannt wie es sich noch entwickeln wird.
    Deinem Fazit, dass Jugendliche sicherlich Inspiration finden könnten, kann ich aber schon jetzt zustimmen – zumindest würde ich mir das sehr wünschen.
    Liebe Grüße,
    Nicci
    #litnetzwerk

  9. Hi! Von dem Buch habe ich noch nie gehört, aber das klingt echt sehr schön und ich mag Reisebücher. Das wandert dank deiner Rezension direkt auf meinen Wunschzettel! lG, Kat #litnetzwerk

  10. Ich fand es auch amüsant, dass es zu dem Buch einen Hashtag gibt, wo doch digitale Abstinenz das Hauptthema ist 🙂 Aber gut, man will die Beiträge ja auch finden.
    Das Buch ist vor einer Weile auch bei mir eingezogen und ich bin definitiv neugierig geworden, weil ich mich auch immer mal wieder beim Gedanken erwische, dass ich doch von diesem oder jenem ein Foto machen müsste, um es bei Instagram zu posten. Glücklicherweise kann ich mich davon doch losmachen und wenn ich mal ein paar Tage nichts poste, breche ich nicht in Panik aus 🙂 Ich bin gespannt, wie oft ich mich hier im Buch in meinem Verhalten oder Gedankengängen wiederfinden werde.

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