S.K. Tremayne: Stiefkind [Rezension]

Cover (c) Knaur Verlag

Rachel ist überglücklich. Nach ihrer Heirat mit dem gutaussehenden Witwer David Kerthen zieht sie auf dessen herrschaftliches Anwesen in Cornwall. Hier will sie zum Gedenken an ihre Vorgängerin Nina, die bei einem Unfall ums Leben kam, die Renovierungsarbeiten an dem Sitz der Familie Kerthen vorantreiben und sich liebevoll um ihren neuen Stiefsohn Jamie kümmern. Das doch Glück trübt sich als Jamie beginnt, davon zu sprechen, dass seine Mutter wiederkehren und Rachel am ersten Weihnachtstag ums leben kommen würde. Auch David verändert sich und Rachel weiß bald nicht mehr, was sie glauben soll. Hat sie nicht auch schon den Geist der verstorbenen Nina gesehen?

Nach „Eisige Schwestern“ legt S.K. Tremayne erneut einen gruseligen Mysterythriller vor, der den Leser lange Zeit im Unklaren lässt. Geschickt spielt er mit verschiedenen Perspektiven und so weiß man nicht, ob man den persönlichen Gedankengängen Rachels mehr vertrauen kann als der nüchternen, auktorialen Sicht Davids. Rachel hat hierbei jedoch den größten Anteil und nach und nach tauchen immer mehr Geheimnisse aus ihrer eigenen Vergangenheit auf, während sie versucht, die Geheimnisse der Familie Kerthen zu ergründen. Denn sie ist sich sicher: Mit dem vor Glückseligkeit triefenden Familienfoto, auf dem Jamie noch ein Neugeborenes ist, stimmt etwas nicht.

Eingebettet ist die packende Geschichte, bei der man oft Wahnsinn nicht von Realität unterscheiden kann, in die wilde, raue Landschaft der Küsten Cornwalls, wo noch bis ins 20ste Jahrhundert in den Bergwerken Kupfer und Zinn abgebaut wurde. Ganz nebenbei erfährt der Leser so über die Zeiten des Bergbaus und seines Einflusses auf die Region, ohne dabei zu sehr ins Detail zu gehen oder gar zu langweilen. So verwebt der Autor die Geschichte der Landschaft mit der Familiengeschichte einer derer Familien, die aus dem Elend der Bergarbeiter Profit gezogen haben und zu großem Reichtum gekommen sind, zu einem großen Ganzen und ermöglicht damit eine atmosphärische Stimmung, die sich durch das ganze Buch zieht. Mal ist es die Schönheit der kornischen Landschaft, dann wieder das Unheil, das über der Familie liegt. Mal das nicht enden wollende Schneetreiben, mal die unheimliche Kulisse des Bergwerkes, das vom Fenster aus zu sehen ist und das Erinnerungen an das Leiden der Bevölkerung weckt.

Doch im Vordergrund stehen natürlich Rachel, die schon bald nicht mehr weiß, ob sie dem Wahnsinn verfällt, und Jamie, dieses verletzliche Kind, welches Rachel um jeden Preis der Welt schützen möchte. Der Roman beginnt eher ruhig, aber stark, so dass man unbedingt weiterlesen möchte. Doch schnell zieht das Tempo an und die Spannung steigt. Zwischenzeitlich gerät die Story in langsamere Fahrwasser, wo man nicht mehr weiß, wohin das Ganze führen soll und alles etwas wirr wird. Auch wenn es weiterhin spannend bleibt, so wird es doch zeitweilig ermüdend, Rachels wirren Gedankengängen zu folgen. Doch der Countdown bis zum ersten Weihnachtstag läuft unerbittlich und der Showdown, in dem Rachel schlagartig klar wird, wie alles zusammen hängt, entschädigt für die kleinen Durststrecken.

Zeitweilig, wenn Rachel in dem großen, leeren Haus auf den Spuren Ninas wandelt und das Gefühl hat, niemals allem gerecht werden zu können, erinnerte mich der Roman an „Rebecca“ von Daphne du Maurier. Nina hat dem Haus ihren Stempel aufgedrückt und ihre Anwesenheit ist überall zu spüren. Einige Parallelen sind zwar nur ansatzweise vorhanden, aber nicht von der Hand zu weisen.

Ein spannender Mysterythriller, der Familiengeheimnisse mit der Geschichte Cornwalls geschickt verwebt und für ein kurzweiliges Lesevergnügen sorgt.

© Tintenhain

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S.K. Tremayne: Stiefkind

Einzelband
Broschiert:
400 Seiten
Verlag: Knaur TB (1. Dezember 2016)
Originaltitel: The Fire Child
Übersetzung aus dem Englischen: Susanne Wallbaum
ISBN-10: 3426516624
ISBN-13: 978-3426516621
Preis: € 14,99 [D]
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Cover (c) Knaur Verlag

19 Kommentare

  1. Huhu!
    Ich lese gerade ‚Eisige Schwestern‘ und wenn ich auch noch nicht so weit bin, gefält es mir jetzt schon sehr gut. Wenn das so weitergeht, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass mich auch ‚Stiefkind‘ reizen würde. Danke für die Rezension!

    Liebe Grüße,
    Linda

  2. Erstmal lieben Dank für die Verlinkung

    „Eisige Schwestern“ lese ich vielleicht … irgendwann mal, denn leider konnte mic „Stiefkind“ nicht ganz abholen. Auch wenn du ebenso Kritikpunkte hast, scheint dein Lesevergnügen /(zum Glück) besser gewesen zu sein!

    Ganz liebe Grüße
    Janna

    1. Könnte sein, dass dir „Eisige Schwestern“ auch nicht so gefallen wird. Der Autor geht eigentlich immer ähnlich vor, würde ich sagen. Bei den „Eisigen Schwestern“ haben mich zum Beispiel die Abhandlungen über Zwillinge genervt. Ich finde aber trotzdem, dass die Romane spannend sind. Vielleicht schaust du dir noch ein oder zwei Rezensionen an und schaust, ob dich die Kritikpunkte dort stören würden oder nicht. 🙂

      Liebe Grüße
      Mona

  3. Ich habe es vor wenigen Tagen als Hörbuch gehört und sehe es ähnlich wie Du, finde aber „Eisige Schwestern“ sogar einen Ticken besser.
    Liebe Grüße
    Ela

  4. Die genannten Durststrecken lasse mich jetzt doch etwas zögern. Andrerseits mag ich es doch recht gern ruhig und es dürfte trotzdem etwas für mich sein. „Rebecca“ fand ich übrigens toll! 🙂

    1. Ja, „Rebecca“ fand ich auch toll, und wenn Tremayne was kann, dann Atmosphäre. Die Durststrecken waren nicht langweilig, sondern mir waren die Gedankengänge einer (vielleicht?) Wahnsinnigen zu anstrengend und wirr.

      LG
      Mona

  5. Cover: Schon das Cover spiegelt die düstere Atmosphäre im Buch wider.

    Klappentext: Psychothrill an der atemberaubenden Küste Cornwalls – der neue Roman des Bestsellerautors von Eisige Schwestern!
    Rachel hat es endlich gut getroffen. Nach langen Single-Jahren hat sie den Anwalt David Kerthen kennengelernt und zieht mit ihm in sein Herrenhaus auf den Klippen von Cornwall. Mit den besten Absichten, auch für Davids Sohn aus erster Ehe, den 9-jährigen Jamie, eine gute Mutter zu sein. Denn Davids erste Frau kam auf tragische Weise in einer der überfluteten Zinngruben an Cornwalls Küste ums Leben.
    Doch Jamie verändert sich, scheint von düsteren Visionen geplagt – und platzt schließlich mit einem Satz heraus, den Rachel nicht mehr vergessen kann: „ An Weihnachten wirst du sterben … und meine Mummy kommt zurück.“

    Ich habe schon das Vorgängerbuch „Eisige Schwestern“ voller Spannung verschlungen. Und auch „Stiefkind“ hat meine Erwartungen noch übertroffen.
    Der Author versteht es meisterlich , die Spannung langsam aufzubauen,kontinuierlich zu steigern, und dann im Finale mit einer vollkommen unerwarteten Aufklärung zu überraschen. So kann man von der ersten bis zur letzten Seite mitfiebern und rätseln, was wirklich passiert ist. Ich möchte nichts über den Inhalt verraten, um die Spannung nicht zu verderben.
    Aber ich kann das Buch jedem Thriller – Fan sehr empfehlen. Ich konnte es jedenfalls nicht aus der Hand legen. Ein rundum gelungener Psych – Thriller, der einen in seinen Bann zieht, und nicht mehr losläßt. Ich freue mich schon auf das nächste Buch.

  6. Hallo Mona,

    ich fand das auch ziemlich spannend und dann immer diese Frage ans ich selbst, wem kann man trauen? Hat mir gut gefallen der Thriller! Wenn ich das Ende auch etwas zu „positiv“ empfand.

    Habe deine Rezension in meiner verlinkt, hoffe das ist okay für dich 🙂

    Liebe Grüße
    Lisa
    Room of Faancy

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