Helen Macdonald: H wie Habicht oder Warum der Habicht nicht landen konnte

H wie Habicht Cover (c) UllsteinAls „H wie Habicht“ im Sommer 2015 erschien, prophezeite meine Buchhändlerin, dass dieses Buch das Buch des Herbstes werden würde. Kurz darauf stürmte der „Habicht“ die sozialen Netzwerke und jeder wollte es lesen. Alles, was ich bis dahin über das Buch wusste, war, dass es um Falknerei gehen würde und darum, wie eine Frau ihre Depression mit Hilfe des Abrichten eines Habichts bezwingen wollte.
Im Januar waren wir „Buchschätzer“ recht ratlos, was wir denn gemeinsam lesen könnten und einigten uns am Ende auf den Habicht. Inzwischen freute ich mich schon darauf, weil ich immer wieder hörte, wie wundervoll das Buch sei, zuletzt von Binea von Literatwo.
Ich fing dann auch gleich an zu lesen. Berauscht von der wundervollen Sprache Helen Macdonalds konnte ich mich sofort darauf einlassen. Als Kind hatte ich ein Buch über Greifvögel, was ich sehr mochte und so war ich auch mit vielen Begriffen vertraut, denn letztendlich ist „H wie Habicht“ auch eine Abhandlung über Falknerei und wird zudem in der Sachbuchsparte geführt.
Am Ende habe ich dann aber nur ein Drittel des Buches gelesen und dann abgebrochen. Was war es, was mich dazu brachte? Es war einerseits T.H. White und andererseits der Habicht selbst. Macdonald verfasst (zumindest mein Eindruck so weit, wie ich gelesen habe) nicht nur eine Abhandlung über Falknerei, sondern auch über T.H. White, der in dem Werk „The Goshawk“ seinen offensichtlich plumpen und vergeblichen Versuch, einen Habicht abzurichten, beschreibt. Macdonald geht nicht nur kritisch auf den Inhalt des Buches ein, sondern schreibt auch über sein (zugegebenermaßen recht interessantes) Leben. Einführend hätte mir das nichts ausgemacht, allerdings kommt Macdonald immer wieder auf den Schriftsteller zu sprechen, so dass ich es schnell ermüdend fand.
Der zweite Punkt ist der Habicht an sich. Macdonald beschreibt das Tier gekonnt und eindrucksvoll als unabhängig und freiheitsliebend. Ihren Habicht lerne ich jedoch mit Haube und Fessel in einer Holzkiste als völlig verängstigt kennen. Als dann die erste Phase des Kennenlernens beginnt und Macdonald sich mit dem Tier in einer Scheune einschließt und jede ihrer Bewegungen den Habicht verschreckt, überkam mich das Mitleid. Ich mochte nicht mehr weiterlesen und mir ist auch unbegreiflich, warum jemand, der Greifvögel so sehr liebt, sie gleichzeitig zu so etwas zwingt. Alles nur, weil Macdonald sich etwas beweisen muss?
„H wie Habicht“ war also trotz seiner wundervollen Sprache, den ausdrucksvollen Beschreibungen und des ausschweifenden Lobs des Feuilletons inhaltlich einfach nicht mein Fall. Inzwischen haben sich die Buchschätzer wieder getroffen. Interessanterweise erging es nicht nur mir so. Einzig Andrea hatte das Buch ganz durchgelesen und Ann-Kathrin zeigte sich sehr angetan und schleppt das Buch vermutlich noch immer täglich in ihrer Tasche herum, weil sie es auf jeden Fall zu Ende lesen möchte. Wir anderen haben das Buch abgebrochen, auch wenn wir uns einig waren, dass es toll geschrieben ist. Das allein jedoch scheint nicht auszureichen.
Gibt es noch mehr Leser, die nicht in den allgemeinen Lobgesang einstimmen?
Eure Tintenelfe
 

Helen Macdonald: H wie HabichtH wie Habicht Cover (c) Ullstein

Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: Allegria; Auflage: Deutsche Ausgabe 2015 (7. August 2015)
Übersetzung aus dem Englischen: Ulrike Kretschmer
Originaltitel: H is for Hawk
ISBN-10: 3793422984
ISBN-13: 978-3793422983
Preis: € 20,00 [D]
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15 Kommentare

    1. Eigentlich will ich niemandem abschrecken. Es haben nur ein paar Leute mitbekommen, dass ich das Buch lese und irgendwie dachte ich, dann muss ich wenigstens meine Meinung kund tun, warum ich es abbreche. 😀

      1. Du schreckst mich nicht ab. Nur warum sollte ich mir ein Buch holen, dass ich dann nicht so gut finde. Und so wie du schreibst, wird es auch für mich nichts sein. Daher… Ich habe genügend Bücher im Schrank, die noch nicht gelesen sind. Da brauche ich dann keines, was nur vielleicht für mich gut wäre.
        Lg Mel

  1. Hallo Mona!
    also anfangs war ich ganz deiner Meinung. Auf die Abhandlung über White hätte ich wirklich gerne verzichtet. War er das nicht mit der Scheune? Helen hat ihren Habicht in ihrer Wohnung gehalten, oder? Das Schlimmste was White seinen Habicht (und anderen Vögeln) angetan hat hast du ja gar nicht mehr gelesen! Helen konnte eine schöne Beziehung zu Mabel aufbauen, zumindest hat sie sie niemals gequält oder misshandelt wie White!
    Es kostete mich Überwindung nach den ersten 100 Seiten weiterzulesen, aber jetzt bin ich froh, dass ich es fertig gelesen habe. Lobgesang gab es von mir nicht, das hast du sicher gelesen. Aber ganz so schlimm, wie ich im ersten Drittel dachte, war‘s dann doch nicht 😉
    Liebe Grüße
    Janice

    1. Mir kam ja beim Lesen der Gedanke, dass sie White bemüht, um in seinem schlechten Licht sehr viel besser dazustehen. Mh, war es in ihrem Haus? Auf dem Dachboden vielleicht? Ich hab so ein unaufgeräumtes Bild im Kopf. 😀

  2. Hi Mona,
    interessant, dass es zu diesem Buch so kontroverse Meinungen gibt. Ich bin jetzt wirklich sehr neugierig und möchte mir selbst ein Bild machen. Dass Bücher enorm gehypet werden, stimmt mich immer ein wenig kritisch, obwohl ich den Jubel um die Bücher oft selbst nach dem Lesen auch empfinde… 😀
    Aber vielleicht lese ich in das Buch mal rein. Danke für deine Meinung 🙂
    Liebste Grüßlies!

    1. Hallo Nina,
      ich denke, das Buch ist so speziell, dass es eben nicht reicht, wenn es toll geschrieben ist. Es muss einen auch inhaltlich abholen und überzeugen. Hätte die Dame T.H. White weggelassen, dann wären die Chancen des Wohlgefallens wohl höher gewesen. manch einer mag gerade diesen Aspekt besonders schätzen. Reinlesen solltest du schon einmal, vielleicht trifft es bei dir genau den richtigen Nerv. 😀
      Liebe Grüße
      Mona

      1. Klar, ein toller Schreibstil reicht nicht. Ich wollte mir vor allem erstmal ein Bild über den so gehypten Schreibstil machen. Die Thematik mit den Vögeln finde ich ebenfalls ein wenig kritisch. Aber mal sehen, reinlesen wird schon nicht schaden. Wann fing der kritische Teil für dich genau an? Ich bin da sehr empfindlich. Ich kann auch die Jugendbücher mit Krebs und anderen Erkrankungen nicht lesen. Zu sensibel :/

  3. Liebe Mona,
    ich war von dem Buch ziemlich enttäuscht, dabei hatte ich mich auch sehr darauf gefreut. Nun ist es bei wirklich anspruchsvoller Literatur ja oft so, dass man sich erst einmal in die ersten 50 bis 100 Seiten hineinquälen muss. Das führt bei mir oft dazu, dass ich den Text zuerst einmal ruhen lasse, um ihn mir dann zu einem späteren Zeitpunkt wieder zu Gemüte zu führen. Aber leider besserte sich der Eindruck nicht. Ich habe es schließlich ganz ad acta gelegt. Schließlich muss ich nicht mehr wie damals im Studium und vor allem später im Beruf bestimmte Texte lesen. Der Habicht ist mir zu seicht, zu esoterisch. Es ist nicht die Art von Literatur, die ich bevorzuge. Leider.
    Viele Grüße
    josch

    1. Danke für deinen Kommentar. Ich hatte mich ja auch darauf gefreut und war angesichts der schönen Sprache auch sehr angetan. Es war eben der Inhalt und ich glaube, ich kann die Frau auch nicht leiden. Blöder Grund, aber ich denke, da kam Einiges zusammen. 😀

  4. Hallo Mona,
    ich habe auch lange hin und her überlegt, das Buch zu lesen, mich letzten Endes aber dagegen entschieden. Ich hatte befürchtet, dass mich der Inhalt so gar nicht würde überzeugen können und nach deinen Worten sehe ich mich da sehr bestätigt. Naja, man kann nicht nur Bücherperlen finden 🙂
    Liebe Grüße, Heike

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