Tintenhain – Der Buchblog

Bruderliebe (Kathrin Lange, Stefanie Heindorf) [Rezension]

Es ist schon eine Weile her, da fragte Olaf von den Buchschätzern, ob wir nicht Lust auf eine Wohnzimmerlesung mit einer befreundeten Autorin hätten, die gerade ihr Buch “Bruderliebe” herausgebracht hatte. Eine Interpretation eines Märchenstoffes sollte es sein, was bei mir schon mal per se Interesse hervorrief, da ich Märchen bis heute sehr liebe und schätze. Die Idee fand also Anklang, aber irgendwie wurde dann doch nichts daraus. Als ich das Buch nun bei Blogg Dein Buch entdeckte, erinnerte ich mich wieder daran und hatte Glück… in doppelter Hinsicht.
Cover
Theresia, ein junges adliges Mädchen, wächst gut behütet und von der Außenwelt abgeschottet auf. Ihre Stiefmutter Henriette achtet darauf, dass kein Mann ihr zu nahe kommt, denn nie soll Theresia das gleiche Leid geschehen, das ihr einst selbst widerfuhr. Doch das junge Mädchen setzt seinen Willen durch und darf am Karfreitag erstmals mit zum Kirchgang ins Dorf. Dort begegnet sie Sebastian von Langenthal und der Gedanke an ihn lässt sie nicht mehr los. Mit Hilfe des wissbegierigen Jungen Clemens und ihrer Zofe Marie gelingt es Theresia und Sebastian sich gegen den Willen Henriettes zu treffen.
Als Henriette von der heimlichen Liason erfährt, zieht sie ihren letzten Trumpf und entwickelt einen perfiden Plan.

In “Bruderliebe” erzählen Kathrin Lange und Stefanie Heindorf das Märchen von “Rapunzel” neu und verweben dabei historische Begebenheiten mit dem bekannten Märchen der Brüder Grimm. Die Geschichte wurde in die Zeit des beginnenden 19. Jahrhunderts versetzt: Die Napoleonische Besatzung ist bereits beendet, die junge Theresia liest Goethes “Leiden des jungen Werther” und der junge Clemens studiert eifrig in Newtons “Optick”.
Die Kapitel werden mit kleinen Auszügen aus dem Grimmschen Märchen eingeleitet, die immer wieder an die ursprüngliche Geschichte erinnern. So ist “Bruderliebe” auch keine historisch eingebettete Nacherzählung, denn die Autorinnen verstehen es, das Märchen neu zu interpretieren. Geschickt werden Begebenheiten metaphorisch gedeutet und an die Geschichte Theresias und Sebastians angepasst, immer stimmig und mit Wiedererkennungswert. Natürlich ist der Fortgang der Geschichte dadurch vorhersehbar, dennoch wurde es mir zu keiner Zeit langweilig.
“Bruderliebe” stellt vor allem die Rolle der Frauen zu der Zeit dar. Abhängigkeiten, Zwänge, vor allem aber auch völlige Ahnungslosigkeit im Umgang mit Männern. Besonders interessant ist die Figur der Henriette, die ihre eigene Verbitterung bezüglich der Ehe und Männern im Allgemeinen auf ihre Stieftochter überträgt. Dabei handelt sie in bester Absicht und immer im Bestreben, das junge Mädchen zu schützen. Doch verkennt sie die Gefahr, das Mädchen in vollkommener Naivität aufwachsen zu lassen. Henriettes tiefes Misstrauen Männern gegenüber lässt sie blind agieren und sich jeglicher Mittel bedienen, die gerade zur Hand sind.
Auch wenn es sich bei dem Roman um eine Liebesgeschichte handelt, wird es nie schmalzig. Vielmehr wird der Kontrast von junger, unschuldiger Liebe zu brutalem Verlangen und rücksichtsloser Gewalt mittels des ungleichen Brüderpaars ebenso wie an den beiden Ehemännern Henriettes dargestellt.
Die Autorinnen versuchen, sich sprachlich an die Zeit, in der die Geschichte spielt, anzupassen ohne dabei zu übertreiben oder die flüssige Lesbarkeit zu beeinträchtigen. So erweist sich “Bruderliebe” als kurzweilige Unterhaltung und ein leichtes Buch für zwischendurch. Das Verflechten von Märchenmotiven mit historisch wahren Begebenheiten macht dabei noch seinen eigenen Reiz aus.
Ein Wort noch zum Titel: So richtig gefällt er mir trotz seiner Zweideutigkeit nicht. Zwar erklärt er sich aus der Geschichte, aber selbst beim Schreiben der Rezension kann ich mich nicht so richtig damit anfreunden. Das schöne und ansprechende Cover erinnert mich übrigens beim Stichwort “Märchen” eher an Schneewittchen als an Rapunzel, was wohl am Spiegel liegen mag.
© Tintenelfe
4 Tintenfäßchen

Stefanie Heindorf/Kathrin Lange: BruderliebeCover

Broschiert: 316 Seiten
Verlag: Dryas; Auflage: 1 (Februar 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3940855375
ISBN-13: 978-3940855374
Preis: 12,95€
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Autorenseite Kathrin Lange
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11 Kommentare

  1. Das klingt ja ganz vielversprechend. Bei mir liegt das Buch noch herum, denn irgendwie habe ich momentan eher Lust auf Krimis, aber deine Rezi wirkt motivierend…

  2. So du bist schuld! Wegen dir habe ich meine inoffizelle Buchkaufsverbotszeit abbrechen müssen. Ich liebe “Neuinterpretationen” von alten Märchen und Sagen. Und da ich das Buch weder in meiner Onlinebibo und auch nicht bei Skoobe entdecken konnte musste ich es kaufen. und wehe ich bin jetzt nicht hin und weg (sobald ich dazu komme es zu lesen), dann darfst du dir aber was anhören 🙂

    1. Oh,mein Gott. Ich habe es immer befürchtet, irgendwann kriege ich Schimpfe, weil ich so einen merkwürdigen Geschmack habe.*g* Nein, mal ehrlich, ich hoffe, das Buch gefällt Dir. Meins ist gerade verliehen, ansonsten einfach immer fragen. Manchmal verleihe ich auch was. 😉
      Lieben Gruss,
      die Tintenelfe

      1. Mit solchen Angeboten solltest du immer ganz vorsichtig sein. Du hast keine Ahnung wie lang meine WL ist, an der du nicht unbeteiligt bist 😛

      2. Ich kann ja immer noch “nein” sagen. :p
        Bei entsprechendem Interesse mache ich auch gern mal ein Wanderbuch beim Tauschgnom auf. Einfach nur, weil ich Wanderbücher toll finde und ich auf diese Weise schon viele schöne Bücher mitlesen konnte.

      3. Was ist was? Ein Wanderbuch? Ganz einfaches Prinzip:Jemand stellt ein Buch zur Verfügung,legt ggf. Bedingungen zum Mitmachen fest und dann wandert es per Post von einem zum anderen. Zur Zeit mache ich das nur noch beim Tauschgnom mit. Die haben eine schöne Wanderbuchfunktion. Bei Interesse erkläre ich das gern auch mal per Mail genauer. 🙂
        LG, die Tintenelfe

      4. 😀 Das was bezieht sich auf die Bedeutunng des Wortes NEIN 🙂 Wanderbücher kenne ich.Bein Buchgesichter haben wir dafür eine Extra Gruppe 🙂 Aber deinen Tauschgnom schaue ich mir vielleicht mal an. Hört sich interessant an.

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